Heute ist wieder einer dieser Tage, an dem viel mehr Paare als sonst nur des Datums wegen heiraten, um dann umso zeitiger festzustellen, daß sie sich die Sache vielleicht doch noch etwas länger hätten überlegen sollen. Ich war aber nicht deshalb etwas wehmütig gestimmt, kann ich doch oben beschriebener Tatsache eine stark sarkastisch gefärbte Note verleihen. Vielleicht lag meine Stimmung auch nur daran, weil ich Barry Fergusons Autobiographie im Zug endlich zu Ende gelesen hatte – die letzten zwei Kapitel, in denen es um seinen MBE, Lee McCullochs ersten Ausstieg aus der schottischen Nationalmannschaft und Phil O’Donnells Tod geht, zwei Kapitel also, die emotional nicht weiter auseinander liegen könnten. Und so mußte ich auch das ein oder andere Tränchen verdrücken – derart ergriffen hatte mich Barrys Buch – bis zum allerletzten Wort.

Gegenwärtig sitze ich – es ist 4:30 p.m. – auf einer Bank vor der Kirche der Bochumer Evangelischen Melanchthon Kirchgemeinde. Vor einigen Minuten kam eine große Gruppe Koreaner heraus, sehr wahrscheinlich von einer Messe, die in koreanischer Sprache abgehalten worden ist. Was mich zu einem Gedanken bringt, der mit der letzten Rede des Bundespräsidenten Wulff in Zusammenhang gebracht werden kann: Nicht nur für koreanische Mitbürger gibt es Messen in deren Sprache. Es gibt englischsprachige Messen, französische, sicher auch italienische und sehr wahrscheinlich gibt es noch ganz andere Kirchgemeinden, die in ihren jeweiligen Sprachen Gottes Wort verständlich ihren Schäfchen vermitteln. Kirchen jeglicher sprachlicher Färbung oder auch nur unterschiedliche Messen in einer Kirche gehören demnach völlig selbstverständlich zu unserem alltäglichen Leben, genau wie jüdische Synagogen.

Weshalb aber haben die Deutschen eine derartige Angst vor dem Islam im speziellen, den Muslimen im besonderen? Meist weil sie den Koran gar nicht kennen, ihn nie gelesen haben (wie in vielen Fällen vermutlich auch die Bibel!). Beide Bücher sind ähnlich blutrünstig, und würde man lediglich das Alte Testament dem Koran gegenüberstellen, ist dieser in vielen Dingen sogar liberaler und weniger gewalttätig, ja sogar frauenfreundlich. Das Problem mit dem Islam ist aber natürlich, daß es einen Humanismus nach christlich-abendländischem Vorbild (noch) nicht gegeben hat. Schaut man sich jedoch an, wie lange das Abendland gebraucht hat, um Kirche und Staat voneinander zu trennen, so hat der Islam noch eine ganze Menge Zeit. Und – obwohl dieser Vergleich leicht zynisch klingt, schief ist und möglicherweise hinkt – man könnte die jetzigen Terroranschläge einiger islamischer Fundamentalisten mit den christlichen Kreuzzügen gleichsetzen. Rein von der Entstehungsgeschichte des Islam her kommt das zeitlich auch ganz gut hin.

Im großen Ganzen hat das Christentum, vor allem aber Deutschland, an den Muslimen viel gutzumachen. Wie ich kürzlich im Deutschlandfunk hören mußte, ist Deutschland nämlich nicht ganz unschuldig am radikalen Judenhaß der Muslime, wie er heutzutage zu konstatieren ist. Noch im Ersten Weltkrieg, als die Araber auf Seiten Englands und Frankreichs gegen Deutschland kämpften, war davon noch gar nichts zu spüren. Auch der Koran ist ja gegenüber Christen und Juden nicht durchweg feindselig eingestellt. Im Gegenteil werden sie als Besitzer der Schrift (also der Bibel) geachtet und sollen in Ruhe gelassen werden, solange sie ihre Abgaben bezahlen. Im Zweiten Weltkrieg sollten die Araber nun für Deutschland gewonnen werden. Man versprach ihnen die Freiheit von Engländern und Franzosen und versuchte, mit den Juden ein gemeinsames Feindbild aufzubauen. England und Frankreich, so erzählten die Deutschen den Arabern, haben vor, einen jüdischen Staat zu gründen, was den Muslimen viel Land wegnehmen würde, und wenn sich die Araber auf die deutsche Seite schlügen, könne das verhindert werden. Um die These vom bösen Juden für die Araber plausibel zu machen, konnte man ihnen allerdings nicht mit den „Rassetheorien und –gesetzen“ der Nationalsozialisten kommen, denn immerhin sahen die Araber alle Semiten von einem Stammvater abkömmig. So wurden über Radio besonders einschlägige Koranstellen rezitiert und kommentiert, besonders aus Muhammads Medinazeit, als er mit den Juden seine Geduld verloren und hart gegen sie gekämpft hatte. Auch Hadithe, Aussprüche Muhammads, die nicht in den Koran aufgenommen wurden (die später von Salman Rushdie sogenannten „Satanischen Verse“), wurden verlesen, die besonders beleidigend oder gewalttätig gegenüber den Juden sind. In dieser Zeit wurde also das Bewußtsein für diese Texte (erneut) geöffnet, die sonst vielleicht irgendwann in Archiven vergessen worden wären.

Man darf Menschen nicht nur benutzen, man soll mit ihnen zusammenleben, und da Muslime ihre eigenen Gotteshäuser – Moscheen – haben, sollen sie die auch in Deutschland bauen dürfen. Alles andere wäre Heuchelei, wenn man weiterhin davon spricht, Migranten sollen sich integrieren. Das können sie nur, wenn man sie auch läßt. Im Falle von Muslimen, vor allem türkischen Muslimen, gehört der Islam, ihr Glaube, nun mal zu ihrem Leben. Wenn man muslimische Migranten nun zu deutschen Mitbürgern macht, ist es da nicht richtig zu sagen, daß auch der Islam zu Deutschland gehört? Ich denke ja, denn das heißt ja nicht, daß ab jetzt der Islam deutsche Staatsreligion werden soll, schon weil jeder Deutscher eben humanismusbedingt selbst wählen kann, welcher Religion er angehören will oder ob er das mit der Religion ganz läßt. Gut, wäre Wulff konsequent gewesen, hätte er noch hinzufügen können, daß Buddhismus und Hinduismus auch zu Deutschland gehören. Jedoch dürfte hier der jeweilige Prozentsatz derart gering ausfallen, daß er es bei den drei größten Weltreligionen, die auch in Deutschland am häufigsten vertreten sind, belassen konnte.

Drehen wir das Rad der Zeit ein wenig zurück, so befinde ich mich gerade beim Anrucken des Zuges in Leipzig und tippe soeben Udo Hartmann auf seine schmalen Schultern. Er war bei einer Hochseit in Markleeberg und hat mich bis Gotha begleitet. Murphys Gesetz funktioniert also auch in die andere Richtung. Ich wollte von Udo nun gerne noch mal wissen, was es mit diesen IPS-Kursen ganz genau auf sich hat. Daß er das auch nicht richtig wußte, hat mich dann doch ein wenig getröstet, allerdings nicht gerade beruhigt. So bekomme ich darauf hoffentlich morgen eine zumindest zufriedenstellende Erläuterung, wenn nicht gar Erklärung.

Nach Gotha habe ich – wie bereits erwähnt – Barrys Buch zu Ende gelesen und wurde wenig später von einem anderen Barry meines Sitzplatzes beraubt. Zwei Reservierungen auf meinem Platz habe ich bereits standgehalten, nur die dritte mußte in Form eines Engländers erbarmungslos zuschlagen. Seines Tickets wegen, auf dem ich zumindest seinen Vornamen erkennen konnte, wußte ich auch, daß der gute Mann Barry heißt. Dann durfte ich also – mit vielen anderen – stehen. Ich lehne es ab, mir für €1,50 pro Zug eine Sitzplatzreservierung zu kaufen und werde das auch weiterhin nicht tun. Doch mal angenommen, jeder würde sich so eine Reservierung kaufen: Würde man dann irgendwann keine Fahrkarten mehr verkaufen, weil man ja offenbar ausgebucht ist oder einen zusätzlichen Wagen einsetzen, weil es sich scheinbar lohnen würde? Keineswegs! Dann gibt es eben keine Reservierungen mehr; einen zusätzlichen Wagen hängen wir aber trotzdem nicht an den Zug. Kurz vor dem Halt in Dortmund (der letzten IC-Station vor Bochum) ertönte die Durchsage, daß sich die Bahn für die Unannehmlichkeiten, die durch die Verspätung des Zuges möglicherweise entstanden sind (es handelte sich um etwa zehn Minuten), entschuldigen möchte. Für die Überfüllung hat sie sich nicht entschuldigt – nur konsequent.

Kehren wir nun zum Anfang zurück, also zur Kirche der Evangelischen Melanchthon-Kirchgemeinde, wo ich gegen 5:00 p.m. wieder von der Bank aufgestanden und das kleine Stück zu meiner künftigen Behausung zurückgegangen bin. Auf mein Klingeln hat jedoch niemand geöffnet, und so habe ich zunächst noch ein wenig an der Hauswand herumgelungert, was niemanden störte, weil es in Bochum sehr viele Menschen gibt, die einfach mal so irgendwo herumlungern.

Um es abzukürzen: Meine Vermieterin kam irgendwann gegen 6:00 p.m. – eine weißhaarige Frau über 60 mit einem schon von weitem sichtbaren Hang zu Natur, Esoterik und Feng-Shui. Das Zimmer ist ganz in Ordnung, allerdings kann ich ihr Internet nicht anzapfen. Irgendwelche Fußballspiele unter der Woche anzuschauen funktioniert also nicht. Schreiben allerdings kann ich an einem komfortablen Tisch mit direktem Blick auf die Straße. REWE ist direkt um die Ecke, nur die U-Bahn-Station zur Uni ist ein paar Schritte entfernt. Vertrag unterschreiben, Kollegen kennenlernen und am Abend vielleicht ein bißchen schreiben – das ist meine Grobgliedrung für den morgigen Tag.

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