Pla|gi|ar <lat.> der; -s, -e u. Pla|gi|a|ri|us der; -, … rii: (veraltet) Plagiator. Pla|gi|at <lat.-fr.> das; -[e]s, -e: a) unrechtmäßige Aneignung von Gedanken, Ideen o. Ä. eines anderen auf künstlerischem od. wissenschaftlichem Gebiet u. ihre Veröffentlichung; Diebstahl geistigen Eigentums; b) durch unrechtmäßiges Nachahmen entstandenes künstlerisches od. wissenschaftliches Werk. Pla|gia|tor <nlat.> der; -s, …oren: jmd., der ein Plagiat begeht. pla|gi|a|to|risch: in der Weise eines Plagiators[1]

Wenn jemand mit vorgehaltener Waffe in ein Geschäft stürmt und dort auf diese Art die Tageseinnahmen erbeutet, dann nennt man das Diebstahl (vielleicht auch noch Nötigung, aber darum geht es hier nicht). Der Dieb hat sich etwas habhaft gemacht, das ihm nicht gehört und wofür er nichts Adäquates zurückgelassen hat. So etwas wird in der Gesellschaft nicht gerne gesehen und entsprechend von alters her bestraft und das nicht zu knapp.

Anders sieht das jedoch offenbar bei geistigem Diebstahl aus, i.e. dem Plagiat. Hierzu benötigt man keine vorgehaltene Waffe, denn das Opfer weiß oftmals gar nichts von dem Diebstahl und muß entsprechend auch nicht bedroht werden, um sein Eigentum herauszugeben. Damit geht einher, daß Plagiate in unserer Gesellschaft häufig gar nicht als Straftatbestand angesehen werden, mehr noch: Sie werden landläufig sogar akzeptiert und warum? Weil das Verfassen von Texten nicht als Arbeit angesehen wird. Für den Schichtarbeiter im Stahlwerk, den Automechaniker oder den Forstwirt ist Arbeit etwas, was wehtut, was seinen Rücken krumm macht, seine Sehkraft mindert und Schwielen an den Händen verursacht; für ihn ist es keine Arbeit, Bücher und Zeitschriftenartikel zu lesen, sich Gedanken zu machen und dieses Wissen in einen eigenständigen Text zu verwandeln.

Plagiate oder besser gesagt die Idee davon, daß es falsch sein könnte, fremdes Gedankengut ohne Angabe der Quelle einfach abzuschreiben, gibt es nicht so lange es den Straftatbestand des Diebstahls gibt. Als es noch kein leicht herzustellendes Papier gab, als man nur umständlich herzustellendes Papyrus oder unwahrscheinlich teures Pergament zur Verfügung hatte, seine Gedanken dauerhaft zu machen, waren Beschreibstoffe nicht nur Mangelware, sondern auch weniger und kürzer haltbar. Bis zur Erfindung des modernen Buchdrucks durch Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert war die Reproduktion wichtiger oder nützlicher Lektüre aufwendig, teuer und langwierig. Antike Schriften, die verbreitet oder einfach erneuert werden sollten, wurden in Klöstern abgeschrieben, neue Autoren schrieben teilweise alte Autoren seitenweise ab, ohne jedoch die Quelle zu nennen, was damals nicht strafbar war, weil ohnehin nur eine kleine Elite überhaupt Zeit und Mittel besaß, um sich dem Schreiben zu widmen und es zum guten Ton gehörte, ältere Werke zu würdigen und auf sie zurückzugreifen.

Früher war die wissenschaftliche Beschäftigung ein Hobby von Leuten, die genug Geld hatten, um nicht arbeiten zu müssen (also in Fabriken, auf Feldern oder gar in Bergwerken). Heute – wo viele schweißtreibende Handgriffe mehr und mehr der Technik überlassen werden können – kann und muß man auch mit geistiger Arbeit Geld verdienen. Aus dem ganzen Wust an täglich produzierter Literatur oder sonstigen geistigen Ergüssen das interessante herauszufiltern, aus alten und neuen Texten eigene Ideen niederzuschreiben, um Denkanstöße für eine bessere Zukunft anzuregen, ist die Leistung derer, die mehr mit dem Kopf arbeiten als mit den Händen (wobei die Hände selbstverständlich auch benutzt werden, um all die Texte in die Tastatur zu hacken – das aber nur nebenbei). Wer diese Arbeit nicht anerkennt und sie mit Füßen tritt, indem er per Copy & Paste ganze Textpassagen aus dem Internet oder auch Büchern und Artikeln übernimmt und sie in die eigene Arbeit einfügt ohne Angabe von Quellen, sie damit also als eigenes Werk ausgibt, wird nicht von ungefähr mit hohen Geldstrafen belegt.

Auch Plagiate sind Diebstahl, das muß endlich in die Köpfe aller Menschen, denn auch die Beschäftigung mit Texten ist Arbeit. Wie oft habe ich schon verständnislose Studenten vor mir sitzen sehen, die mich mit offenem Mund angeschaut haben und einfach nicht verstehen wollten, weshalb sie ihre Zitatsammlung, die sie oft als Seminararbeit bezeichneten, auch belegen müssen. Das dient nicht nur dazu, daß ich all das auch nachprüfen kann und werde, wenn mir danach ist, sondern vor allem dem Respekt des Urhebers gegenüber. Nicht umsonst gibt es Einrichtungen wie das Urheberrecht und Copyright, welche geistiges Eigentum schützen sollen.

Nun ist das mit Büchern und Aufsätzen leichter zu handhaben als mit Texten aus dem Internet, aus dem man mit schon erwähntem Copy & Paste von einer Sekunde auf die andere Texte von einer Stelle zur anderen transferieren kann. Allerdings kann man es auch besser nachprüfen, ob etwas abgeschrieben wurde, wenn jemand so dumm war, Ideen einfach aus dem Internet zu klauen – wie eben jetzt im Falle des deutschen Außenministers (noch?)Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg, in dessen Dissertation wohl Teile von der Internetseite der FAZ und anderen Quellen einfach ohne Angabe ihres Ursprungs eingefügt wurden. Darauf angesprochen soll er geantwortet haben, daß er die Fußnoten doch nachreichen könne. Dreister geht es wohl kaum! Sein alter Namensvetter Johannes Gutenberg würde sich wohl im Grabe umdrehen, weil es das sicher nicht war, was er im Sinn hatte, als er den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, doch ein gutes hat die Sache für mich: Ich habe ein prima schlechtes Beispiel für meine Studenten, denn ich kann ihnen nun nicht nur anhand von Herrn Guttenberg klarmachen, was passiert, wenn sie fremdes geistiges Eigentum einfach unzitiert in ihre Arbeiten einfügen, nein, ich kann ihnen auch damit drohen, daß bei mir damit garantiert niemand durchkommt, denn ich habe nicht nur ein Programm, das Plagiate im Internet erkennt, sondern ich selbst nenne ein Auge mein eigen, das ein untrügliches Gespür für Plagiate hat.

Seid also gewarnt, Studenten, und glaubt nicht Volker Rieble, seines Zeichens Jurist an der Uni München, der heute in einem Interview im Deutschlandradio meinte, daß Plagiate an der Universität in der Regel nicht verfolgt oder untersucht würden. Wenn das auch die Regel sein sollte, dann bin ich die Ausnahme von dieser Regel, denn ich scheue keine Konfrontation, im Gegenteil: Ich bin eher stolz darauf, Studenten zu erwischen, die dachten, schlauer zu sein als ich.


[1] (Werner Scholze-Stubenrecht u.a. [Hgg.]), Der Brockhaus. Ergänzungsband: Fremdwörter, Leipzig / Mannheim 2001, 433.

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7 thoughts on “Der Plagiator (also von und zu Guttenberg)

  1. Netter Beitrag. Man will ja nicht kleinlich sein, aber ist das, was Du im Eingang beschreibst nicht eher Raub? Diebstahl scheint sich an sich vielfach dadurch auszuzeichnen, dass man ihn nicht sofort bemerkt. Oder sehe ich das falsch?
    Bin im Übrigen gespannt, wie sich das mit KT weiterentwickelt. Am Ende bleibt’s beim “Dr.” aber das “summa” wird gestrichen, o.ä.
    LG von gegenüber.

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  2. aber ist das, was Du im Eingang beschreibst nicht eher Raub? Diebstahl scheint sich an sich vielfach dadurch auszuzeichnen, dass man ihn nicht sofort bemerkt. Oder sehe ich das falsch?
    Nö, ich glaube, das siehst Du ganz richtig. Gegenfrage: Gibt es dann entsprechend auch geistigen Raub?
    Meinst du, daß KT seinen Dr. wirklich behalten darf? Was ich gehört habe, scheint es so zu sein, daß doch erhebliche Teile nicht gekennzeichnet sind, d.h. das gesamte Werk ist ein Plagiat, und das bedeutet, daß er die Prüfungsleistung nicht bestanden hat, also die Dissertation und seinen Titel damit zu Unrecht führt. Oder sehe ich das jetzt falsch?

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  3. Arbeit tut also weh!
    Das möchte ich vehement bestreiten, es gibt sehr viele Menschen, die gern körperlich arbeiten und darin auch ihre Befriedigung sehen. Und ich halte einen Vergleich zwischen diesen Menschen, die übrigens unsere materielle Basis schaffen und einem Freiherrn von Guttenberg auch nicht für gut. Ein Freiherr von Guttenberg ist niemand, der im Stahlwerk den Stahl aus dem Ofen zieht, wahrscheinlich geschieht das heute auch maschinell. Ein Freiherr von Guttenberg wusste sehr genau, dass Zitate zu kennzeichnen sind, ebenso umformulierte Textstellen.
    Ein Freiherr von Gutenberg dachte vermutlich das seine Diss, so durch geht, ist sie ja letztendlich auch. Wenn jetzt nicht ein politisches Kalkül dahinter stehen würde, hätte niemand je nach dieser Dissertation gefragt!
    Aber etwas anderes brennt mir auf der Seele. Ich halte es nicht für den richtigen Weg, den eigenen Studenten auf diese Art und Weise, wie hier geschehen, zu drohen. Vielmehr wäre es wünschenswert, das Dozenten sich bemühen, ausgezeichnete Proseminare anzubieten und im Unterricht den Studenten eine gute Anleitung zur Erstellung der Hausarbeit zu geben. Dazu gehört auch, dass das Proseminar mit dem Tutorium abgestimmt ist und der Dozent mit dem Tutor Hand in Hand arbeitet und man sich nicht gegenseitig diffamiert.
    Für mein Empfinden, droht eine wirklich ausgezeichnete Lehrkraft nicht, sie ist für den Studenten da und gibt positive Unterstützung und Hilfe.
    Stolz zu sein, Studenten zu erwischen, zeugt von der Einstellung, die Menschen, die in der jeweiligen Lehrveranstaltung dem Dozenten anvertraut sind, gering zu schätzen und ihnen schon grundsätzlich einen Plagiatsvorwurf zu unterstellen.
    Übrigens, auch der Beruf des Hochschullehrers sollte Berufung sein, denn er bildet und erzieht und fördert junge Menschen!

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  4. Das möchte ich vehement bestreiten, es gibt sehr viele Menschen, die gern körperlich arbeiten und darin auch ihre Befriedigung sehen.
    Das habe ich nicht bestritten. Ich selbst gehörte einst zur körperlich arbeitenden Gesellschaft, wobei ich nicht behaupten will, daß sie mir Spaß gemacht hat. Das allerdings hatte nichts mit der Körperlichkeit zu tun sondern mit der Art der Tätigkeit. Doch das nur nebenbei.

    Ein Freiherr von Gutenberg dachte vermutlich, dass seine Diss so durch geht, ist sie ja letztendlich auch. Wenn jetzt nicht ein politisches Kalkül dahinter stehen würde, hätte niemand je nach dieser Dissertation gefragt!
    Sicher nicht, doch so wie ich das gehört bzw. gelesen habe, wollte der Bremer Professor, der die nicht-zitierten Stellen gefunden hat, eine Rezension zu Guttenbergs Dissertation schreiben, was durchaus Jahre später vorkommen kann. Ich glaube jedenfalls nicht, daß er sich einfach die Dissertation herzugenommen hat unter der Maßgabe, sie als Plagiat zu entlarven. Möglicherweise hat er irgendwann besagte FAZ-Artikel gelesen, sich daran erinnert, daß ihm beim Lesen der Guttenberg’schen Dissertation etwas bekannt vorkommt und dann verglichen.

    Was mich zu Ihrem eigentlichen Thema führt.

    Dazu gehört auch, dass das Proseminar mit dem Tutorium abgestimmt ist und der Dozent mit dem Tutor Hand in Hand arbeitet und man sich nicht gegenseitig diffamiert.
    Das sehe ich ganz genau so, und ich selbst hatte mit meinen Tutoren bisher auch nicht das geringste Problem. Ich weiß, daß es Fälle gibt, in denen sich Dozenten, Tutoren und Studenten unnötigerweise das Leben gegenseitig schwer machen, was ich selbst weder nachvollziehen noch selbst praktizieren würde. Allerdings habe ich etwas gegen Studenten, die keine Hausaufgaben machen, ihre Texte nicht lesen und sich nicht am Unterricht beteiligen. Zum einen wird Frontalunterricht negativ kritisiert, andererseits will man sich aber auch nicht an Diskussionen oder der Seminargestaltung beteiligen. Hier spreche ich selbstverständlich nicht von allen Studenten, doch es ist auffällig, daß sich immer nur ein paar Studenten beteiligen, während die große Masse kaum richtig zuhört. Anders kann ich es nicht erklären, daß Hinweise zu Hausarbeiten oder Seminararbeiten offenbar mißachtet oder gar nicht gehört werden, weil ich die immer gleichen Fehler in schriftlichen Arbeiten über die Jahre finden muß, und sie häufen sich leider von Jahr zu Jahr.

    Vielleicht habe ich es etwas unglücklich ausgedrückt; ich bin nicht stolz darauf, Studenten beim Abschreiben jedweder Art zu erwischen, weil mir das eine Art von Genugtuung oder Selbstbestätigung oder was auch immer gibt. Mehr bin ich stolz darauf im Namen all der Studenten, die ihre Arbeiten selbständig verfaßt und nicht geschummelt haben. Sie haben dann vielleicht keine 1,0 bekommen, aber sie können hocherhobenen Hauptes durch die Welt gehen, weil sie ihre Leistung selbst und eigenständig erbracht haben. Das sollte auch in Studentenkreisen honoriert werden. Statt dessen habe ich das Gefühl, daß eher Geschichten darüber, wie schlau man war, den Dozenten hinters Licht zu führen, unter Kommilitonen ankommen, als zugeben zu müssen, daß man so dumm war, seine Arbeit selbst zu schreiben.

    Nochmal: Meine Beobachtungen treffen nicht auf alle Studenten zu; ich selbst bin sehr glücklich darüber, wenn ich in Seminaren Studenten sitzen habe, die sich Gedanken machen und zum jeweiligen Thema etwas sinnvolles beizutragen haben. Genauso lese ich selbstverständlich gute Seminararbeiten lieber als schlechte, nur kann ich das Schreiben einer Seminararbeit nicht auch noch als Thema in den Unterricht aufnehmen. Dazu sind tatsächlich die Tutorien da. Einzelne Hinweise gebe ich selbstverständlich auch, und für weitergehende Fragen stelle ich Sprechstunden zur Verfügung, die leider selten genutzt werden.

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  5. Und sie kamen nach Kapernaum, und als er im Hause war, fragte er sie: Was
    habt ihr unterwegs besprochen? Sie aber schwiegen; denn sie hatten sich auf
    dem Weg untereinander behandelt, wer der Größte sei: Und er setzte sich, rief die
    Zwölf und spricht mit ihnen: Wenn jemand der Erste sein will,, soll er
    Der Letzte sein von allen und aller Diener sein.“ (Markus 9, 33 – 35).

    Ihr wisst, dass die, welche als Regenten der Nationen gelten, sie beherrschen und ihre Großen Gewalt gegen sie üben. So aber ist es nicht unter euch, sondern wer unter euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein. (Markus 10, 42 – 44).

    IX. 1. Potestne quicquam stultius esse quam quorundam sensus, hominum eorum dicto qui prudentiam iactant? Sen.

    Gegenwärtig wird ein uraltes Führungsprinzip neu belebt und Serving Leader genannt – führen heißt dienen.
    Angewandt auf die spezielle Situation in einem Proseminar, würde das bedeuten, der Dozent dient dem Studenten und bringt ihn dadurch zu höchsten Ergebnissen.
    Dozenten vermitteln den Studierenden das Wissen und die Strategien, die notwendig sind, um erfolgreich zu sein. Der hohe Wert der Lehrkraft bleibt jedoch vorhanden, auch wenn sie dient, denn sie kann weggeben, was sie hat. Die Dozenten sind einem bestimmten Ziel verpflichtet, für das sich die Studenten in die Pflicht nehmen lassen.
    Ein Dozent sagte mir einst: „Ich behandle jeden Studenten wie einen kleinen Gott, anders geht es nicht.“
    Davon habe ich für mein Leben sehr profitiert.

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