Bildquelle: Willie Vass | Bild 1 | Bild 2 || Flickr | Bild 3

Am vergangenen Dienstag fand im Hygienemuseum zu Dresden eine wahre Erweckungsveranstaltung statt. Eigentlich war es nur ein Vortrag im Rahmen des neuen SFB (= Sonderforschungsbereich) 804 der Geschichte der TU Dresden, uneigentlich die Präsentation einer ganz neuen Art der Religionsausübung.

Wegen der bevorstehenden Osterfeiertage befand ich mich (wie auch jetzt gerade noch) in Dresden und habe diese Tatsache genutzt, um mir nach Zeit wieder einmal einen wissenschaftlichen Vortrag in Dresden anzuhören, zumal das Thema “Religiöse Rituale, Heldenverehrung und Totenkult im Fußballsport” interessant genug klang, um mich auf den etwa 35-minütigen Fußweg zum Museum aufraffen konnte. Der Referent Dr. Markwart Herzog war kurzfristig eingesprungen, so daß auf der Ankündigung noch ein anderer Herr mit etwas anderem Thema vermerkt war, doch ganz grundsätzlich hätte auch dieser etwas zur möglichen Verbindung von Fußball und Religion gesagt.

Wer sich als Wissenschaftler über Fußball ausläßt, muß im Grunde eine mehr oder weniger (eher mehr) ausgeprägte Affinität diesem Sport gegenüber sein eigen nennen, und so ist das auch bei Markwart Herzog der Fall. Er ist nicht nur Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur sondern als glühender Verehrer des 1. FC Kaiserslautern auch Redaktionsmitglied des dortigen Stadionmagazins “In Teufels Namen”.

Seinen Vortrag hatte er in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil machte er uns mit dem selbsternannten südkoreanischen Messias Myung Jung-Seok bekannt und wie dessen christlich angehauchte Religion den Fußball als Übertragungsmedium seiner Stärke (be)nutzt. Jeden Sonntag nämlich spielen Jung-Seok und seine Anhänger fünf Stunden miteinander Fußball. Es gibt eine Vielzahl von Mannschaften, die alle gegeneinander spielen, wobei Jung-Seok einmal in jeder Mannschaft gespielt haben muß. Dabei ist er jedes Mal Kapitän, trägt die Nummer 10, und seine Mannschaft gewinnt immer. Die Symbole, die hier hinter allem stecken sind eindeutig: Jung-Seok ist das Gute, das gegen das Böse / Schlechte triumphiert, gemeinsam mit der magischen Rückennummer 10 vergangener Fußballgrößen wie Pele oder Maradona. Man erkennt auf den ersten Blick, daß es hier nicht ums Gewinnen geht, sondern um die Anwesenheit des Messias in der eigenen Mannschaft. Wichtig sind die Pässe, die man vom Messias zugespielt bekommt, denn sie dienen der Kraftübertragung. Der Ball ist hier also Mittler und Übertragungsmedium. Markwart Herzog hat jedoch nichts davon gesagt, daß ein Ball, den der Messias mit seinem Fuß berührt hat, gewissermaßen als heilige Reliquie verehrt wird (wäre eine gute Frage gewesen, die ich im Anschluß an den Vortrag hätte stellen können; leider kommt sie mir erst jetzt beim Schreiben dieser Zeilen). Davon, daß Myung Jung-Seok seit 2009 wegen Vergewaltigung im südkoreanischen Gefängnis sitzt und seine Jünger somit gerade ohne heiliges Sonntagsritual auskommen müssen, hat Herr Herzog uns auch verschwiegen (vielleicht erfahren die Bälle als heilige Reliquie dann vielleicht jetzt eine gewisse Beachtung). Jedenfalls kam er zu dem Ergebnis, daß der Fußball in der Art der hier praktizierten Religionsausübung nicht zu vergleichen sei mit dem professionellen Fußballsport und demnach Fußball auch nicht als religiös anzusehen sei, da es hier nicht ums Gewinnen gehe, sondern lediglich um den Transfer der messianischen Kraft und Magie mittels des Balls. Man könnte diese Kraft selbstverständlich auch mit Handauflegen oder ähnlichem vom Messias auf den Jünger übergehen lassen, doch mit der Art der sportlichen Betätigung ist es wohl die Idee des Geben und Nehmen, die sportliche Betätigung an sich, die gewissermaßen als zusätzliche Bereicherung für die Jünger angesehen werden kann.

Im zweiten Teil schließlich hat uns Markwart Herzog mit der Bestattungskultur im Fußball vertraut gemacht und damit einhergehend mit der Erinnerungskultur. Hier dienten ihm v.a. Beispiele aus Schottland und England, wo man sich als Hardcorefan auch auf dem heiligen Rasen seines Lieblingsklubs beerdigen lassen kann; so soll beispielsweise im Torraum der Hearts of Midlothian in Edinburgh deutlich erkennbar sein, daß hier bereits von einigen Fans die übrig gebliebene Asche verstreut wurde (wie fühlt man sich da wohl als Torhüter?). In Deutschland ist derartiges verboten, jedoch hat beispielsweise der Hamburger SV in Stadionnähe einen Fanfriedhof angelegt, wo man sich in “bespielter Erde” bestatten lassen kann, d.h. bei einer Rasenerneuerung hat man den alten Rasen vom Stadion zum Friedhof transferiert, so daß der Verblichene nun nicht nur in Stadionnähe ruht, sondern auch noch in “heiliger Erde”. Ansonsten sieht es mit der Erinnerungskultur in Deutschland jedoch dürftig aus. Die Trauerfeier für Robert Enke am 11. November 2009 in der Hannoveraner AWD-Arena war da eine der wenigen Ausnahmen, doch man merkte den Umständen an, daß sowohl “Veranstalter” als auch die Fußballoffiziellen selbst überfordert waren und nicht wußten, wie sie angemessen mit dem Tod umgehen sollten (dieses Beispiel hat Markwart Herzog jedoch ausgelassen, er bezog sich lediglich auf die Gestaltung von Grabsteinen deutscher Fußballhelden wie z.B. Fritz Walter).

Viel mehr Beispiele konnte er für Schottland und England anbringen, wo nicht nur Schweigeminuten, Minutenapplaus und commemorative shirts zur Trauer- und Erinnerungskultur gehören, sondern auch die sogenannten commemorative bricks – kleine Ziegelsteine mit einem Namen / einer Botschaft nach Wunsch, die an der Mauer des Stadions angebracht werden, so daß man selbst sozusagen mit zur Erinnerungskultur seines Vereins wird. Der Besuch “seines” Ziegelsteins vor einem Spiel gehört so ganz selbstverständlich zum Ritual eines Stadionbesuchs dazu. Gleichzeitig wird der Ort, auf dem sich das Stadion befindet – also das Stadion selbst – zum “heiligen” Platz, zu dem man “pilgert”, um Erinnerungen wachzurufen – um die Toten nicht zu vergessen. Das anschließende Fußballspiel inmitten der Zuschauer, die man als Familie begreifen kann oder auch als Fußballgemeinde ist dann so etwas wie eine reinigende Messe, in der man alles abschütteln kann, was im Alltag belastet und Emotionen zeigen, die man sonst zurückhält.

Für Markwart Herzog waren all diese Beispiele jedoch nicht genug, um Fußball als eine Art Ersatzreligion oder auch nur als religiös zu bezeichnen, weil ihm das Jenseits fehlt. Das Christentum zieht sein Heil zum größten Teil ja daraus, daß man nach dem Tod weiterlebt und das zuweilen besser als auf Erden, wenn man sich denn nach christlichen Maßstäben gut verhalten hat. Da nun der Fußball dieses Versprechen nicht macht, die Erinnerungskultur eher der antiken römischen Religion entspricht, sei der Fußball nicht als religiös zu bezeichnen. Wie in den obigen Abbildungen zu sehen, beziehen sich die Erinnerungen in der Tat lieber auf militärische Ereignisse in der Vergangenheit, und die commemorative bricks haben ihre Entsprechung in Kriegerdenkmälern des Ersten oder Zweiten Weltkriegs. Dennoch zeigen die erst kürzlichen Todesdrohungen gegen Celtic-Manager Neil Lennon, der für sein Katholischsein bereits seit etwa zehn Jahren mit Bedrohungen jeglicher Art leben muß, daß die Verbindung zwischen Fußball und Religion doch nicht so weit entfernt ist, auch wenn dieses Beispiel ein regional begrenztes sein mag.

Wer sich am Paläographieren meiner Aufzeichnungen zum Vortrag versuchen will, der schaue bitte hier.

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