Kurz nachdem ich heute Morgen in den Katakomben des Bochumer Hauptbahnhofs die Studentenmassen auf die nächste U35 zur Uni habe warten sehen, habe ich mich ernsthaft gefragt, ob ich vielleicht noch mal eine halbe Stunde eher losfahren sollte, um einen halbwegs angenehmen Stehplatz zu bekommen. Ich wäre dann zwar eine geschlagene Stunde vor Beginn des IPS in meinem Büro, aber das würde ich eventuell für ein wenig Sauerstoff mehr in Kauf nehmen. Vielleicht gibt es sich aber auch im Laufe des Semesters.

Heute hatte ich aber weniger Furcht vor zu geringer Sauerstoffzufuhr, sondern davor, daß die Probleme in meiner rechten Schulter zunehmen könnten. Ich befürchte seit Tagen ja einen eingeklemmten Nerv, und obwohl es mittlerweile besser geworden ist, schmerzt es und ist es leicht taub zur selben Zeit — kein allzu schönes Gefühl, zumal ich mittlerweile durch die leichte Gewichtsverlagerung und ständigen Dehnversuche auch leichte Rückenschmerzen wahrnehmen muß. Wenn das nicht besser wird, muß ich also doch noch hier in Bochum zum Arzt, was ich eigentlich vermeiden wollte!

Trotz meiner unsäglichen Schmerzen bin ich jedoch rechtzeitig im Institut angekommen, und ich habe es sogar geschafft, aus dem Fenster zu klettern, um den wunderschönen Sonnenaufgang zu photographieren. Genau 18 Mal, um genau zu sein. Abends habe ich dann den halbwegs gleichen Bildausschnitt von jedem Bild aneinandergereiht und einen einfachen Rahmen angefügt, so daß man nun in einem einzigen Bild (siehe oben) den Sonnenaufgang vom 21. Oktober 2011 zwischen 8:04 Uhr und 8:14 Uhr in Bochum nachbetrachten kann. Und damit man sieht, wie die Originalbilder aussahen, füge ich da mal eines an:

Nebel war auch vorhanden, so daß ich neben Sonnenaufgangsphotos auch ein paar Nebelbilder gemacht habe. Das hier ist meines Erachtens das beste:

Nach der Photosession kam das IPS, also der Ernst des Lebens. Andrzej war leider bei einer Tagung, weshalb ich mit Jens alleine war, um die Erstsemestler ein wenig unstrukturiert und völlig wirr darauf vorzubereiten, was sie im Laufe ihres Studiums zu erwarten hatten. Wie immer war es also die ganz normale chaotische erste Sitzung, nur mit dem Unterschied, daß ich meine erste Hausaufgabe, die bis kommende Woche zu erledigen ist, etwas anders verteilt habe als sonst. Jeder Student sollte seines eigenen Glückes Schmied sein, weshalb ich im Vorfeld einige Begriffe und Namen rund um Caesar vorbereitet hatte, d.h. jeder Begriff stand auf einem Papierschnipsel, und alle fünfzig Schnipsel hatte ich in meine Mütze gestopft. Jeder Student durfte sich nun seinen eigenen — individuellen — Papierschnipsel ziehen und konnte sich entsprechend auch nicht darüber beschweren, was er da bekommen hatte. Witzig war, daß eine Patrizia ausgerechnet den Begriff “Patrizier” gezogen hat. Wahrscheinlich bemüht sie sich ganz besonders!

Nach noch etwas Herumirren in der Historischen Bibliothek und Kopieren war ich völlig geschafft, wollte aber noch ein paar Postkarten von Bochum kaufen, um diese an Familie und Freunde zu verschicken. Lange bin ich ja nicht mehr hier, und da dachte ich mir, daß ich unbedingt noch etwas haptisches aus meiner 1 1/2jährigen Heimat nach Hause schicken müsste. Bei den Karten ist es dann aber nicht geblieben, weil vor der Schaten-Buchhandlung ganz in der Nähe des Schreibwarenladens, in dem ich die Karten erstanden habe, ein paar Stände mit verbilligten Büchern standen. Selbstverständlich konnte ich da nicht einfach vorbeigehen, und als ich schließlich weiterging, war ich um zehn Euro ärmer, aber an vier Büchern reicher:

Die Dubliners von James Joyce wollte ich immer schon haben, war aber irgendwie nie dazu gekommen. Hier jetzt für €2,50 bekam ich es fast geschenkt. A Portrait of the Artist as a Young Man lag direkt daneben, also sackte ich auch das an. Die Sons and Lovers von D.H. Lawrence hatte T.E. Lawrence in irgendeinem Brief sehr lobend erwähnt, also dachte ich mir, daß ich diesem Buch eine Chance geben könnte, und ganz zum Schluß entdeckte ich ein Buch, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hätte: The Prisoner of Zenda von Anthony Hope. Ich wußte nicht einmal, daß es davon zuerst ein Buch gab, denn unter dem Titel kannte ich bis dato nur den Film mit Stewart Granger in einer Doppelrolle. Ich mag sonst romantische Liebesschnulzen ganz und gar nicht, aber dieser Film ist im Grunde auch mehr ein Mantel- und Degenfilm, der zudem durch die ganze Art von Stewart Granger (einer meiner Lieblingsschauspieler — außer in den Karl May-Filmen) sehr viel gewinnt. Diese vier Bücher sollten also reichen, um bis zum 1. November und dem (hoffentlichen) Erscheinen von Kevin Kilbanes Autobiographie zu überleben.

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3 thoughts on “Sonnenaufgang und Literaturklassiker

  1. Oh, da denke ich an mein ersten Penguin-Bücher. Eine Gedichtsammlung von Allen Ginsberg und Jack Kerouacs “On The Road”. Das war damals in meiner Beatnik-Hochphase und ich habe sie aus London mitgebracht anstatt dem Big Ben in Miniatur oder andere Touristen-Artikel. Heute denke ich manchmal, daß ich die Bücher besser hier und dafür doch den ein oder anderen Kitsch- Artikel mitgebracht hätte – so als Nachweis, daß ich wirklich da war. Geblieben ist mir nur eine hässliche Anstecknadel von einer Veranstaltung im Hyde Park zu der ich nicht einmal gegangen bin. Aber immerhin steht da das Fatum drauf lol

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  2. So ähnlich ging es mir in Jordanien 2006: Als ich dort war, habe ich überall diese kleinen Fläschchen mit dem bunten Sand gesehen, mit dem landestypische Bilder in die Flaschen gefüllt wurden, also meist ein Kamel mit Palme. Damals hatte ich auch gedacht: ‘Nein, ich werde diesen Kitsch ignorieren und boykottieren. Ich werde nichts kaufen, was jeder Tourist kauft.’ Und erst kürzlich habe ich meiner Mutter erzählt, daß ich das mittlerweile schon ein wenig bereue, eben wegen dieses ‘Ich-war-da-Symbolismus’.

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  3. Das Problem ist vor allem, daß ich damals auch keine Fotos gemacht habe, also nicht einmal einen bildlichen Beweis erbringen kann. Nun geht es natürlich nicht ums Beweisen, aber eben irgendwas, das als greifbare Erinnerung irgendwo in einem Schrank oder ähnlichem Staub ansetzen kann bis man aus Sentimentalität dieses Etwas ab und zu hervorkramt und sich mit feuchten Augen an diese Zeit erinnern kann 😉

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