Gerade eben habe ich meine vorletzte Univeranstaltung abgehandelt, komme in mein Büro zurück und muß bei Twitter lesen, daß man sich Gedanken darüber macht, Zensuren erst ab der vierten Klasse zu vergeben. Pro und Contra werden hier dargestellt, wohin mich der Twitterverweis geführt hatte.

Dabei konnte ich bei den Pro-Argumenten teilweise nur verständnislos mit dem Kopf schütteln, vor allem was den Punkt betrifft, man würde die Kinder schon in so frühem Alter darauf trimmen, besser sein zu wollen als die Mitschüler und diejenigen zu “mobben”, die schlechter sind, was man ja wohl an den Zensuren viel besser ablesen könne als an Bewertungstexten.

Nun bin ich selbst in der Ex-DDR aufgewachsen, habe also von der ersten Klasse an Zensuren (und im übrigen auch Kopfnoten für Mitarbeit, Ordnung etc.) bekommen samt kurzem Einschätzungstext, hatte dabei aber nie das Gefühl oder Bestreben, besser sein zu wollen als meine Mitschüler, sondern nur besser als ich selbst. Mit den Zensuren hatte ich selbst einen besseren Anhaltspunkt als das mit einem Text je möglich wäre, weil Lehrer in den schließlich auch nicht schreiben können: “Kind X ist in Mathematik einfach so schlecht, daß wir fürchten müssen, daß es den Stoff in höheren Klassen einfach nicht begreift, weil es zu wenig Zeit für die Grundlagen hatte.”

Und hierin sehe ich auch bereits ein großes Problem: Dadurch, daß es nur Einschätzungen und keine verbindlichen Zensuren gibt, kann es bis zur vierten Klasse auch kein Sitzenbleiben geben. Ich sage meinen Studenten immer, wenn ich vereinzelt Arbeiten zur nochmaligen Überarbeitung zurückgebe, daß das nur zu ihrem Besten ist: Sie müssen die Arbeit zwar nochmals durchgehen, müssen eine Mehrarbeit leisten, doch durch Wiederholung lernen sie, machen es beim zweiten Mal besser — das Wiederholte festigt sich; sie haben die Grundlagen dann verstanden, die sie für weiterführenden Stoff dringend brauchen.

Das gleiche gilt für das Sitzenbleiben. Es mag nicht schön sein, ein zusätzliches Jahr in der Schule verbringen zu müssen, aber für das spätere Berufsleben ist das wichtig. Wer in den ersten drei Schuljahren nicht richtig lesen und schreiben lernt, wird es später sehr schwer haben, denn die Erfahrung hat auch gezeigt, daß sich Analphabeten sehr gut durchmogeln können, irgendwann aber an einen Punkt kommen, wenn es dann nicht mehr geht.

Vielleicht liegt es auch einfach daran, daß ich in der DDR großgeworden bin und meine Schulklasse bis zur siebten Klasse eine starke Gemeinschaft war, in dem jeder jedem geholfen hat und jemand, dem die Schule nicht so leicht fiel, nicht ausgegrenzt oder gehänselt wurde. Aber einer gewissen Klassenstufe wurde jedem leistungsstarken Schüler ein leistungsschwacher zugeteilt, mit dem man gemeinsam Hausaufgaben gemacht und Wissen wiederholt hat. Diese Einrichtung halte ich für sehr gelungen und auch wichtig und würde sicher vielleicht auch im westlichen Teil Deutschlands dazu führen, daß man eben nicht schon von klein auf eine Ellbogenmentalität anerzogen bekommt, die für eine funktionierende Gesellschaft untragbar ist.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s