Deutschland hat nun die Chance, das gerade zu rücken, was vor anderthalb Jahren falsch entschieden wurde. Um genau zu sein, sind es ab heute dreißig Tage, in denen sich der Bundestag auf einen neuen Kandidaten für das deutsche Staatsoberhaupt geeinigt haben muß. Denn der Ex, Christian Wulff, ist heute kurz nach 11:00 Uhr zurückgetreten.

Selbstverständlich sind nicht all die Ungereimtheiten um seine Person daran schuld sondern die Presse und die sozialen Medien. Eine Hetzkampagne sei es, die ihn aus seiner Sicht zu Fall gebracht hat. Von Einsicht nach wie vor keine Spur. Statt dessen erinnerte der schleichende Rücktritt an jenen des Herrn zu Guttenberg, der immer nur das Fehlverhalten zugab, das nicht mehr zu leugnen war: die sogenannte “Salamitaktik” (bereits jetzt mein Unwort des Jahres 2012).

Bei Herrn Wulff nun konnte man mittlerweile jeden Tag aufwachen und sich fragen, welcher neue Vorwurf denn noch zu dem Paket an Verfehlungen, Drohungen und Verheimlichungen noch hinzukommen würde. Am Ende war es einigermaßen unübersichtlich geworden, so daß man beinahe den Eindruck haben konnte, die Öffentlichkeit würde sich darin verwirren und die Sache am liebsten doch auf sich beruhen lassen. Beinahe hatte Wulffs Merkel-Taktik des Aussitzens also funktioniert.

Bis gestern Abend die Staatsanwaltschaft Hannover beantragt hat, Wulffs Immunität aufzuheben, um in alle Akten und Unterlagen offiziell Einsicht erlangen und gegebenenfalls einen Prozeß einleiten zu können. Dies wäre erstmalig geschehen und das wollte Wulff dem Amt des Bundespräsidenten dann wohl doch nicht antun. Eine verspätete Einsicht, aber immerhin.

Nun hat die Regierung um Bundeskanzlerin Merkel also eine weitere Chance, das richtige Staatsoberhaupt zu finden oder aber das bereits vor anderthalb Jahren gefundene jetzt endlich einzusetzen. Ich spreche hier natürlich von Joachim Gauck, dem evangelischen Pfarrer aus Rostock, dem ehemaligen Leiter der nach ihm benannten Behörde zur Abwicklung der Stasi-Akten, der keiner Partei angehört und schon allein aus diesem profanen Grund bereits jetzt wieder im engeren Kreis der Kandidaten scheint. Kurz nach Wulffs Rücktritt hatte man auch Gauck nach seiner Meinung befragt und er schien sehr bewegt zu sein, wollte zunächst noch nichts sagen. Hatte er mit dem Thema Bundespräsident bereits abgeschlossen? Fürchtet er fast, nun erneut vorgeschlagen zu werden?

Die Verantwortung nach zwei Rücktritten in Folge, der Beschädigung, die dieses Amt nun in der Öffentlichkeit hat, ist immerhin ungeheuer groß. Doch Joachim Gauck könnte das Vertrauen wieder herstellen. Wenn auch der Focus von dieser Woche ihn als “heimlichen Präsidenten” sieht, so könnte — wenn der Bundestag seinen Fehler von vor anderthalb Jahren korrigiert — das Adjektiv nach diesen dreißig Tagen Geschichte sein.

(Bild: Television Zwickau)

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2 thoughts on “Der Bundespräsident ist tot. Es lebe der Bundespräsident.

  1. Nachdem, was da jetzt in den letzten Tagen seit Wulffs Rücktritt wiedermal zwischen den Parteien bei der “Suche” nach einem Nachfolger abgeht, fühlt man sich als Bürger doch noch mehr verlkackeiert, als von Wulff selbst. Mal wieder stellt sich die mittlerweile ja schon rethorische Frage, ob unseren Politikern noch klar ist, daß es gerade beim Präsidenten um das bzw. denjenigen geht, der für uns Bürger geeignet ist oder mal wieder eh nur über dieses Amt versucht wird, sich als Partei am besten zu positionieren. Und dann fragen die sich doch tatsächlich noch, woher die Partei- und Wahlverdrosenheit der Deutschen kommt. mal wieder rein gar nichts kapiert!

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    1. Es ist wirklich beschämend, was da abgeht. Einer nach dem anderen Kandidaten sagt ab, während SPD, FDP und die Grünen Joachim Gauck wollen, den auch das Volk mehrheitlich will. Doch weil der eben gegen Merkels Speichellecker Wulff angetreten war, wäre das eine persönliche Niederlage für sie, würde sie Gauck nun doch akzeptieren. Daran sieht man wirklich mal wieder, daß die Politiker mehrheitlich nur das tun, was für sie selbst nützlich ist, aber nicht für das Land und die Menschen des Landes. Demokratie als Farce!

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