Es war am schönen Ostermontag, als ich mich von meinen Eltern wieder nach Hause aufmachen wollte: mit der Bahn. Wie gewöhnlich. Würden meine Eltern etwa in Hamburg wohnen und ich in Berlin, so hätte ich sicher eine angenehme Fahrt im ICE verlebt, hätte mich auf einen gemütlich gepolsterten Platz setzen können, vielleicht sogar mit Tisch vor mir, ansonsten aber auf jeden Fall mit einer Ablageklappe vom Rücksitz des vor mir plazierten Sitzes. Wenn ich mit dem Zug fahre, lese ich sehr gerne, nur leider kann man das heutzutage meist nur noch im ICE, und das ist auch der Grund, weshalb ich diesen offenen Brief schreibe.

Sehr geehrte verantwortliche Damen und Herren von der Deutschen Bahn AG,

hiermit schreibt Ihnen ein Abtrünniger, jemand, der einmal bei der Bahn gearbeitet hat und damit auch das Innenleben, vor allem aber dasjenige Ende der Hierarchiekette kennt, das zum Funktionieren Ihres Betriebs ganz erheblich beiträgt, dafür den geringsten Lohn einstreicht, sich jedoch mit den Kunden direkt konfrontiert sieht — das was Sie nicht zu ertragen haben.

Ich spreche hier von all den Zugbegleitern auf sogenannten Nebenstrecken der Deutschen Bahn, die im Laufe der Zeit nach und nach stillgelegt oder an Fremdfirmen verkauft werden. Denn da Sie mehrheitlich aus der Flugindustrie stammen, liegen Ihnen diese unrentablen kleinen Strecken selbstverständlich nicht so sehr am Herzen wie Ihr selbsterklärtes Aushängeschild und Zugpferd ICE. Als wenn ganz Deutschland nur aus Geschäftsleuten und Berufspendlern bestehen würde, die selbstverständlich in Großstädten mit ICE-Anbindung leben.

Ich möchte Ihnen nun gerne von meinem Erlebnis an schon erwähntem Ostermontag berichten. Meine Eltern leben in dem beschaulichen, etwas langgestreckten Dorf Neukirch / Lausitz, das — historisch bedingt — sogar zwei Bahnhöfe aufweisen darf: Ost und West. Früher war man darüber furchtbar stolz. Denn welches Dorf kann schon von sich behaupten, zwei Bahnhöfe zu besitzen? Und als dann vor ein paar Jahren am Bahnhof Ost nicht nur die Regionalbahnen, sondern auch die Regionalexpresse hielten, fühlte man sich beinahe wie als eine Stadt.

Heutzutage sieht die Realität jedoch weitaus trauriger aus: beide Bahnhöfe werden vom ESTW in Bischofswerda aus bedient, weshalb der Fahrdienstleiter wegfiel und die Reisenden nun keinen Ansprechpartner dort mehr haben. Doch nicht nur das: zumindest der Bahnhof Ost, den ich besser kenne, verrottet zusehend. Früher war der Fahrdienstleiter nicht nur dafür da, für den ordnungsgemäßen Ablauf des Zugverkehrs zu sorgen, sondern auch dafür, daß der Bahnsteig in Ordnung gehalten wurde. Potentielle Graffiti-Sprayer wurden schon dadurch abgeschreckt, daß jemand da war, und in der Tat bin ich jedes Mal erneut schockiert über den Zustand des Bahnhofs, wenn ich meine Eltern besuche. Aber Hauptsache, der Parkplatz davor wurde ausgebaut.

Und doch: es müßte nicht so aussehen. Meine Mutter hat sich sogar einmal an die Bahn gewandt, weil sie gerne ehrenamtlich das Blumenrund auf dem Bahnsteig in Ordnung bringen wollte. Meine Mutter ist in Altersteilzeit mittlerweile zu Hause und beschäftigt sich gerne mit Pflanzen und Blumen. Sie hätte es gerne gemacht und noch nicht einmal mehr als die Materialkosten verlangt. Doch Sie, die Verantwortlichen der Bahn, wollten das nicht. Aus mir schier unerfindlichem Grund. Angeblich kümmert sich eine der Bahn angegliederte Firma darum, doch wenn es alles ist, was diese macht, das Unkraut, das aus dem Rund wächst, in Form zu schneiden, dann haben wir eine komplett konträre Auffassung von Natur und Bahnsteigsgestaltung.

Und nicht genug, daß in dem “Blumen”rund nur welke Pflanzen gammeln und Brennesseln wachsen: an dem Bahnhofsgebäude blättern langsam aber sicher auch noch die letzten Reste der weißen Farbe ab, stinkt es in den Ecken nach Fäkalien und man muß Angst haben, daß einem das Dach auf den Kopf fällt. Zumindest eine Absperrung müßte dort dringend installiert werden, wenn das Dach schon nicht repariert oder gleich abgerissen wird.

Alles, was man auf diesem Bahnsteig sieht, bringt einen im Grunde dazu, nur noch wegzuwollen. Vielleicht ist ja genau das Ihr Anliegen, sehr geehrte Oberste der Deutschen Bahn, allerdings — und nun komme ich auf den ansonsten schönen Ostermontag zu sprechen — fühlte ich mich in dem Gefährt, das Sie da auf die Bevölkerung losgelassen haben, eher wie abtransportiert denn gemütlich von einem Ort zum anderen befördert.

Es war 14:05 Uhr, also nach dem Mittagessen an einem Tag, an dem man erwarten kann, daß Studenten von zu Hause wieder in ihr Uni-Wohnheim fahren, Wehrdienstleistende in ihre Kaserne oder sonstige Berufsgruppen an ihre weiter entfernte Arbeitsorte. Das einzige, was stimmte, war die Pünktlichkeit des Zuges. Und tatsächlich ist die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn das einzige, was ich nicht bemängeln will, denn Verspätungen erlebe ich selten und wenn, dann ist die Bahn nur zu einem geringen Teil selbst daran schuld.

Alles andere allerdings, nämlich die Beförderung selbst, spottete jeder Beschreibung. Wie gesagt kann man erwarten, daß an einem Feiertag, nach dem mehrere Arbeitstage folgen, genau wie an Sonntagen, zu bestimmten Uhrzeiten mehr Passagiere das Angebot der Bahn nutzen als sonst. Für derartige Erhebungen habe auch ich bereits Rede und Antwort gestanden, allerdings waren diese Mitarbeiter ausschließlich in beinahe leeren Zügen zu Zeiten unterwegs, bei denen man erwarten konnte, daß potentielle Fahrgäste da eher auf Arbeit sind, also etwa vormittags gegen 10 Uhr.

Diese Umfragen und Erhebungen der Fahrgastzahl sollten selbstverständlich dazu dienen, die Kapazität der Züge an den tatsächlichen Bedarf anzupassen, was ja durchaus lobenswert ist, vor allem auch im Hinblick auf den Umweltschutz. Allerdings will es mir nicht in den Kopf, weshalb Sie sich dafür entschieden haben, nun nur noch die Triebwagen VT 642 auf der Strecke Dresden-Zittau einzusetzen, deren Wagenkapazität bei 123 Sitzen liegt, während Sie vor der Umstellung die Regionalexpresse noch mit VT 612 haben verkehren lassen, die immerhin 148 Plätze pro Wagen haben. Die Informationen dazu habe ich Ihrem Informationsdokument auf Seite 18 entnommen.

Bereits diese 25 Plätze mehr hätten an jenem Ostermontag dazu geführt, daß sich 25 mehr ältere Menschen hätten hinsetzen können. So allerdings wurden die von mir geschätzt 160 Menschen (es können auch mehr gewesen sein: ich bin im Schätzen nicht sehr gut: weniger waren es aber auf keinen Fall) in diesen einen uns zur Verfügung gestellten Wagen gepreßt, so daß an weiteren Zwischenhalten sogar einige Personen nicht zusteigen konnten, im speziellen ein Mann mit Fahrrad. Das Problem wäre sicher auch mit einem Wagen der Baureihe VT 612 noch vorhanden gewesen, doch mit zwei Wagen der Baureihe VT 642 definitiv nicht mehr.

Was ich nun gerne von Ihnen wissen möchte, ist, ob Sie mit diesem “Konzept” versuchen, auch noch die letzten verbliebenen Fahrgäste der Nebenstrecken auf die Straße zu vertreiben, um diese schließlich unrentabel gewordenen Strecken auch noch stillegen zu können? Weshalb lehnen Sie Eigeninitiative ab, die dazu führen könnte, daß auch kleine Bahnhöfe wieder etwas ansehnlicher werden? Ich versuche wirklich, Sie zu verstehen, aber immer häufiger empfinde ich das als nicht sehr leicht.

Hochachtungsvoll,
Séamus Kennan

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