Gestern Nacht wurde offenbar, daß Fußballdeutschland und seine Fans aus der Champions-League-Niederlage seiner Bayern aus München nichts aber auch gar nichts gelernt haben. Vor allem im Vorfeld des zweiten Halbfinales der Europameisterschaft Deutschland vs Italien wurde eigentlich mehr über das Finale gegen Spanien und wie man die am besten ausspielen könne, um nach 1996 endlich wieder den Pokal nach Hause zu holen, geredet als über die minimale Hürde Italien. Schließlich spielen die nur Catenaccio, stellen sich hinten rein und hoffen auf ein 0-0 nach 120 Minuten. Anders sind die ja auch nicht ins Halbfinale gekommen. Wozu also über die reden? Sprechen wir statt dessen über die wichtigen Dinge, nämlich das Finale gegen Spanien und unseren Pokal.

Unser Pokal. So offen und arrogant wurde das zwar nicht öffentlich debattiert, doch in den Köpfen schlummerte dieser Gedanke dennoch. Er wurde offenbar bei jedem Spiel der deutschen Mannschaft, das ich bei ARD oder ZDF gesehen habe. Nun habe ich nichts dagegen, wenn deutsche Kommentatoren während der Spiele nicht völlig objektiv sind, sondern zuweilen sehr subjektiv zugunsten Deutschlands kommentieren. Das ist in jedem Land so, und es wäre auch unnatürlich, wenn das deutsche Fernsehen jemanden das Spiel hätte kommentieren lassen, der ganz deutlich seine Aversion Deutschland gegenüber zum Ausdruck bringt.

Was jedoch unnatürlich ist, vielleicht aber so etwas wie eine Facette der deutschen Mentalität, daß der Gegner, in diesem Falle Italien, klein geredet wird, auch noch nach dem Spiel. Wenn man sich die Statistik anschaut, dann ist klar ersichtlich, daß Deutschland leicht überlegen war, sowohl beim Paßspiel, als auch bei Torchancen, Ballbesitz, vor allem bei dem Eckenverhältnis von 14-0.

Dennoch muß man bei der Analyse nicht sehr weit gehen, und es bedarf keiner verworrenen Gedankenspiele, weshalb es für Deutschland gestern Abend nicht funktioniert hat: Zum einen hatten die Italiener mit Gianluigi Buffon einen Torwart, der außer dem späten Elfmetertor einfach alles gehalten hat, was auf sein Tor kam und auf der anderen Seite Mario Balotelli, der eben nicht wie sonst bei dieser EM beinahe üblich, alle seine Torchancen in die Erdatmosphäre gejagt hat, sondern den Ball dorthin, wo er hingehört: ins gegnerische Tor.

Und trotzdem war am italienischen Sieg weder der bessere italienische Torwart noch die bessere italienische Chancenverwertung Schuld, sondern die Unfähigkeit der deutschen Spieler, ihre doch so große Überlegenheit in einen glänzenden Sieg umzuwandeln. Die Fassungslosigkeit von Journalisten und Spielern gleichermaßen war geradezu rührend. Beinahe hatte ich Mitleid, weil sie einfach nicht wahrhaben wollten, was doch nicht sein durfte oder konnte.

Doch als ich dann heute Morgen von den Ausschreitungen in mehreren deutschen Städten gehört hatte, war von Mitleid nichts mehr übrig. Wo bitte kommen wir hin, wenn sich italienische Mitbürger nicht mehr über den Sieg ihrer Mannschaft freuen dürfen? Ich kann nur wiedergeben, was ich gehört habe, und das war, daß wohl deutsche Fußball”fans” italienische Autocorsi aufgehalten und italienische Fußballfans angegriffen haben, nur weil die nicht ebenso traurig über das deutsche Ausscheiden waren wie sie.

Nach 1945 durfte das deutsche Volk als Täternation nicht trauern, und scheinbar hat es damals völlig verlernt wie es ist und wie man sich verhält bei einer, wenn man traurig ist über eine Niederlage. In den letzten Jahren hat die deutsche Presse dazu aber auch viel beigetragen. Richtig auffällig geworden ist das meines Erachtens seit der Weltmeisterschaft 2006. Alle Länder, die Deutschland damals besucht haben, waren überrascht über die Fröhlichkeit und Gastfreundschaft. Zuvor war man offenbar tatsächlich der Meinung, daß Deutschland ein Land von Ordnung, Disziplin und Freudlosigkeit ist. Damals hat Deutschland viel Sympathie erfahren, nur seitdem scheint im Denkprozeß der Deutschen irgendein Schalter falsch umgelegt worden zu sein. Scheinbar ist man nun der Auffassung, daß es Deutschland zusteht, Pokale zu gewinnen, und jeder, der sie davon abhält, ist es nicht wert, mehr noch: Man selbst stand sich im Weg, die eigenen Leute haben nicht funktioniert.

Jedes normale Volk hat nach jeder verlorenen Schlacht den Gegner noch größer gemacht, als er es tatsächlich war, um die eigene Niederlage für die Erinnerung etwas weniger schmerzhaft zu machen. Die eigenen Leute waren Helden, nicht weil sie verloren haben, sondern weil sie sich dem Kampf trotz der Übermacht gestellt haben. Die Deutschen haben im Bereich des Fußballs die schier selbst zerfleischende Gabe, den Gegner sich bereits vor dem Kampf als besiegt einzureden. Wenn man dann siegt, wie viel Wert hat dieser Sieg dann überhaupt noch, wenn er doch nur Pflichterfüllung ist? Eine Niederlage ist nicht eingeplant und wiegt daher umso schwerer, tritt sie am Ende dennoch ein.

Arroganz und Selbstglorifizierung haben im Sport nichts zu suchen, und deshalb war ich gestern umso mehr froh, daß Deutschland nicht gewonnen hat. Lernt endlich wieder, den Gegner zu respektieren, dann steht ihr auch nicht so fassungslos da, wenn ihr einmal verliert. Außerdem sind dann Pokale vielleicht wieder möglich, wenn man nämlich nicht schon an das übernächste Spiel denkt, wenn das nächste noch zu spielen ist.

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