Nach einigen Monaten ohne Streß durch Studenten und den allgemeinen Unialltag habe ich mich seltsamerweise wieder danach zurückgesehnt. Man kann das wohl als Stockholmsyndrom diagnostizieren. Ein wenig verschoben angewandt zwar, indem das ursprünglich gemeinte positive Verhältnis von Geiseln zu ihren Geiselnehmern umgedeutet wird zum positiven Verhältnis von Hochschullehrern zu ihren Seminargruppen, doch grundsätzlich meint es dasselbe: Das, was mir zunächst stressig und überhaupt nicht positiv erschien, sieht im Rückblick als das paradiesische Ideal aus.

Was macht man also, wenn auf sämtliche Bewerbungen auf außeruniversitäre Stellen bisher nur Absagen eingetrudelt sind? Genau: man geht zurück zu seinen Wurzeln und bietet seine Dienste völlig kostenfrei zu Markte. In meinem Fall war mein Anlaufpunkt die Dresdner SLUB (Sächsische Staats- Landes- und Universitätsbibliothek), die ich seit ihrer Eröffnung im Jahre 2002 kenne und mich daher berufen (und auch geeignet) sah, den Studenten in den zu Beginn etwas verwirrenden Gängen zur Seite zu stehen. Mein Hauptanliegen war zunächst, eher mein Fachwissen in kleineren Gruppen an die Studenten zu bringen. Man trifft sich jede Woche, wobei aber kein Zwang wie in normalen Seminaren besteht, sondern jeder Student kann einfach vorbeikommen, wenn er ein akutes Problem hat. Also: ein Referat steht an, und der Student weiß nicht so recht, welche Literatur in der Kürze der Zeit wirklich sinnvoll ist. Oder: ein Protokoll muß geschrieben werden, und er weiß nicht, was dort eigentlich hineingehört und wie er wichtiges von unwichtigem trennen kann. Und natürlich auch: eine Seminararbeit ist in der nun bereits zurückliegenden vorlesungsfreien Zeit wieder nicht fertig geworden, also möchte der Student vielleicht gerne Motivationsstrukturen kennenlernen, wie er die Angst vor dem leeren Blatt überwindet und schließlich, wenn er bereits etwas Text produziert hat, hätte er gerne jemanden, der sich das mal durchliest und ihm sagt, ob das jetzt völliger Quatsch ist oder er sich auf dem richtigen Weg befindet.

Diese Idee habe ich dem SLUB-Personal auch vorgetragen, und sie ist zumindest auf dem Weg der Realisierung. Richtig starten kann das selbstverständlich erst, wenn das Semester wieder begonnen hat und man die Erstsemester oder auch Zweitsemester, an die das Konzept in der Hauptsache gerichtet ist, physisch greifen und damit erreichen kann.

So blieben zunächst nur SLUB-Führungen, bei denen man etwas zum Haus an sich und zur Benutzung im speziellen sagt, was ich gestern zum ersten Mal angegangen bin. Es war eine Berufsschulklasse der Wirtschaft im zweiten Lehrjahr. Insgesamt waren sie alle ganz ruhig, zumindest in der Zeit, als wir im Schulungsraum gesessen haben und ich mithilfe des PCs und des Beamers die Internetseite der SLUB erläutert und ihnen gezeigt habe, wie sie Literatur schnell und zielsicher finden können. In der Zeit, als wir uns durch die Gänge bewegt haben, waren sie nicht ganz so ruhig, und als ich ihnen nach über einer Stunde erklären wollte, wie die Ausleihe von Büchern am Ausleihautomaten funktioniert, hat nur noch etwa die Hälfte zugehört: ein bekanntes Phänomen aus meinen Seminaren. Deshalb bin ich auch schnell dazu übergegangen, Hausaufgaben ganz zu Beginn einer Stunde auszugeben bzw. anzusagen. Denn die volle Aufmerksamkeit ist einem Lehrer oder Dozenten lediglich in den ersten fünf Minuten gewiß.

Ein klein wenig geschockt war ich dann aber doch noch, als mich eine von den Schülerinnen fragte, ob man in der SLUB denn auch normale Bücher ausleihen könne. Ich war mir nicht ganz sicher, was sie meinte und fragte sie, ob sie Belletristik meine, worauf sie mich zunächst verständnislos angeschaut hat und schließlich auf Verdacht nickte. Sie ergänzte dazu noch, daß sie eben keine wissenschaftlichen Bücher meine, daß “normale” Bücher wie man sie im Buchladen bekommt, ja zuweilen sehr teuer seien — ob es die in der SLUB auch gäbe. Ich wollte nicht direkt in einen Schreikrampf ausbrechen, weil sie ja zumindest die positive Tendenz an den Tag legt, überhaupt noch Bücher in die Hand zu nehmen und zu lesen, nur der Begriff “Belletristik” für “normale Bücher, die keinen wissenschaftlichen Inhalt besitzen” war ihr eben nicht präsent. Vielleicht hat sie ihn sich ja gemerkt, zu Hause nachgeschlagen und ihn dann sofort in ihren Wortschatz integriert. Das wäre doch so ein kleines positives Element, wofür man gerne Dozent ist.

2 thoughts on “Belletristik oder nicht Belletristik: das ist hier die Frage

  1. Eine Antwort bist du uns aber nun noch schuldig geblieben: Hat die SLUB denn nun “normale” Bücher? Oder nur so abnormale mit furchtbaren Informationen, die einem die welt erklären, was ja nun wirklich keiner braucht.

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    1. Aaalsooo, die SLUB heißt ja ausgesprochen Staats-, Landes- und Universitätsbibliothek, also kümmert sie sich auch um das Normalvolk, und an der Uni kann man ja auch Germanistik und Anglistik studieren, ergo gibt es selbstverständlich auch “normale” Bücher (ich glaube, das wird jetzt mein Lieblingsbegriff für Belletristik haha), aber eben nicht alle, die es in der Buchhandlung gibt. Für mich habe ich jedenfalls schon so einige gute Bücher gefunden: unter anderem die wirklich glänzenden Krimis von William Boyd.

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