Am neunten Tag des Kurses und mitten im Segment “Medienrecht” kamen wir heute morgen ganz plötzlich auf Hitlers “Mein Kampf” zu sprechen. Im wesentlichen war das heutige Thema Urheberrecht, und einer aus unserer Gruppe kam darauf, daß das Urheberrecht für dieses Werk am 31. Dezember 2015 ausläuft. Zur Zeit hat die Bayrische Landesregierung noch die Rechte an Hitlers verschwurbelten Gedankengängen und wehrt mit Händen und Füßen alles ab, was da an Nachdrucken oder auch nur Kommentierungen auf den Markt geworfen werden soll. Was nun ab dem 01. Januar 2016 passieren wird / soll / darf, ist vom Gesetz her eigentlich klar: da auf dem Buch dann kein Urheberrecht mehr liegt, könnte jeder Mensch mit dem Text tun und lassen, was er wollte. Denn: auch verboten ist das Buch nicht (auch wenn dieser Mythos hier und da existiert).

Nun hatte ich “Mein Kampf” bereits zu Studienzeiten in meinen Händen. Ich hatte eine Seminararbeit in Neuerer Geschichte zu schreiben, zu Hitlers Beziehungen mit England, und wollte im Zuge dessen mir eben auch einmal Hitlers geistige Ergüsse anschauen. Immerhin hatte Hitler England noch bis in den Zweiten Weltkrieg hinein vor allem seiner Weltmachtsansprüche wegen bewundert, hat bis zuletzt versucht, England ins Großdeutsche Boot zu holen, vor allem um einen Zweifrontenkrieg zu verhindern, und so hoffte ich nun, ein griffiges Zitat zu finden.

Bereits damals war es allerdings nicht so ganz einfach, an “Mein Kampf” heranzukommen. Als Student sollte ich ein Schreiben meines Dozenten mitbringen, das mir bescheinigte, daß ich ein historisches Thema bearbeite, das die Einsicht von “Mein Kampf” nötig oder wenigstens plausibel macht. Logischerweise befindet sich das Buch dann nicht frei zugänglich, sondern man muß es erst im Magazin bestellen. Dann wird es in die Sondersammlungen geliefert: ein kleiner Raum mit Überwachungspersonal, in dem man das Buch schließlich einsehen / lesen darf.

Heute bin ich nun kein Student mehr, auch kein Angestellter der Universität; ich bin einfacher Besucher, und mich interessierte im Laufe des heutigen Vormittags immer mehr, ob dieser Weg zu “Mein Kampf” noch immer derart kompliziert ist, zumal ich heutzutage auch nicht mit einem Schreiben eines Dozenten aufwarten kann. Das allerdings sei gar nicht nötig, denn als Absolvent eines historischen Studienfachs hätte ich auch ohne Auflagen jederzeit die Möglichkeit, “Mein Kampf” einzusehen. Also habe ich meine Bestellung im Magazin aufgegeben.

Wenn man ein Buch aus dem Magazin der SLUB bestellt, ist das normalerweise recht einfach und schnell: Bestellung absetzen, und nach etwa zwei Stunden liegt es dann entweder in der Ausleihe oder eben – wie im Falle von “Mein Kampf” in den Sondersammlungen. Nun bekam ich heute zweieinhalb Stunden nach der Bestellung die Mitteilung darüber, daß eine weitere Ausgabe des Buches bearbeitet wird. Im OPAC kann man zwei Bände bestellen: “Band 1: Eine Abrechnung” sowie “Band 2: Die nationalsozialistische Bewegung”. Das Problem scheint jedoch zu sein, daß das Werk als zwei Bände in einem Band existiert. Ich kann mich vage daran erinnern, daß das schon einmal ein Problem war, als ich “Mein Kampf” für die Seminararbeit brauchte. Scheinbar benötigte man heute erneut zweieinhalb Stunden, um ein jahrelanges Phänomen erneut zu erkennen.

Nun gut, ich saß ja an der Arbeit, und das noch für weitere vier Stunden, also nahm ich fest an, daß es das SLUB-Personal bis 16 Uhr doch wohl geschafft haben sollte, mir das Werk in die Sondersammlungen zu liefern.

Die nächste Nachricht kam 13:12 Uhr: Das Buch, also mein erstbestellter Band 1, sei nicht am Standort aufzufinden. Acht Minuten später war dann auch das zweibändige Gesamtwerk nicht am Standort. Wohlgemerkt: im Magazin, wo ohnehin nur das Personal selbst hinkommt, etwaige Bücher also von egoistischen oder auch etwas verwirrten Nutzern nicht falsch in die Regale zurückgestellt werden können. Mir war also die Mitteilung “nicht am Standort auffindbar” von Anfang an suspekt, und da ich wegen einer Verlängerung ohnehin in die SLUB mußte, wollte ich dort gleich noch diesen Fall aufklären.

Schließlich kurz vor 17 Uhr in der SLUB angekommen, stellte ich mit der Dame an der Ausleihe / Verlängerung fest, daß im internen System nichts stand von “nicht am Standort auffindbar”; stattdessen hieß es sinngemäß “Einsicht verwehrt”. Ein paar Minuten blieben mir noch bis 17 Uhr, wenn die Sondersammlungen normalerweise ihre Pforten schließen, doch auch dort konnte mir die dort ansässige Dame nicht weiterhelfen. Zwei Zettel von meinen Bestellungen lagen lediglich im Fach. Aber immerhin bekam ich die Auskunft, ich solle doch morgen (Samstag) ab 10 Uhr einmal in den Sondersammlungen anrufen; es werde dann eine Kollegin da sein, die sich mit den “seltenen Büchern” auskennt. Und unter dieser Kategorie läuft auch “Mein Kampf”.

Weiteres zu dieser Odyssee dann morgen, nachdem ich dort angerufen und mich weiter informiert habe. Mal sehen, ob ich dann wieder zu irgendeinem Zeitpunkt das Bedürfnis verspüren werde, einen plausiblen Grund oder gleich mehrere finden und sogleich vermitteln zu wollen, die es ganz dringend nötig machen, daß ich mir dieses Buch anschauen will / muß. Denn irgendwie habe ich stets den Eindruck, daß ich mich dafür rechtfertigen muß, “Mein Kampf” einsehen zu wollen. Dabei ist das natürlich Unsinn, denn ich muß kein Nazi sein, um mich mit diesem Machwerk auseinandersetzen zu wollen.

Auch wenn man an keinen Gott glaubt, sollte man die Bibel und den Koran trotzdem kennen oder vielleicht gerade deshalb, um zu wissen, wogegen man eigentlich argumentiert. Um gegen etwas zu sein, muß man dieses Etwas zunächst kennen, um Argumente dagegen in seiner eigenen Anschauung finden zu können. Und im besten Fall kann man dann mit Anhängern der entsprechenden Religion oder eben Hitler, dem Nazinalsozialismus und “Mein Kampf” darüber streiten, was denn im entsprechenden Buch wirklich steht und was die jeweiligen Jünger nur erdichtet haben, weil sie selbst die Bücher oft gar nicht gelesen haben. Und genau aus diesem Grund ist es auch unsinnig, eine Neuauflage nach dem 31. Dezember 2015 unbedingt verbieten zu wollen. Verbietet man “Mein Kampf”, spielt man lediglich heutigen Nazis in die Hände, denn dann wird Hitlers Buch interessanter und kontroverser gemacht als es wirklich ist. Verbietet man es nicht, sondern bietet es in einer Neuauflage einer breiten Masse an, wird der Mythos abgeschwächt werden. Und vermutlich werden viele Menschen auch ohne Kommentierung und Anleitung erkennen, daß “Mein Kampf” nicht nur fragwürdige, konstruierte Gedankengänge zum besten gibt, sondern einfach auch stilistisch und argumentativ nicht der Rede wert ist.

[UPDATE; Samstag, 10. Mai 2014]
Pünktlich eine Minute nach 10 Uhr habe ich also heute in den Sondersammlungen angerufen, um mit der Person zu sprechen, die sich angeblich mit der Sache auskennt. Kurz zuvor habe ich in meinem Benutzerkonto der SLUB gesehen, daß das Buch immer noch nicht aus dem Magazin hervorgekramt wurde. Also hoffte ich nun fernmündlich auf ein wenig mehr Klarheit.

Und die gab es tatsächlich: Die SLUB hat nämlich doch zwei Exemplare von “Mein Kampf”: eines aus der ersten Auflage, das aus Archivierungsgründen unter Verschluß gehalten wird; das zweite Exemplar ist eine “Kopie”, also etwas anderes als ein Exemplar einer späteren Auflage, und das sei eben ganz normal einzusehen. Das Problem war nun allerdings, daß ich ja beide Exemplare bestellt hatte. In meinem Abholfach lag allerdings keines.

Nun hatte ich noch etwas anderes zu schreiben, weshalb ich bis etwa 13 Uhr mein Konto ab und zu aktualisiert habe, um zu sehen, ob das einsehbare Exemplar vielleicht doch schon heute auftaucht. Doch vermutlich weil Samstag ist, war das nicht der Fall. Vielleicht ja am Montag. Dann folgt auch das nächste (und hoffentlich letzte) Update in dieser Sache.

[UPDATE; Montag, 12. Mai 2014]
Eine völlig überraschende, gleichwohl interessante Wendung hat sich heute Morgen ergeben und zwar was die generelle Bestellmöglichkeit von “Mein Kampf” in der SLUB angeht. Nachfolgend liste ich einmal alle aktuell [10:28 Uhr] verfügbaren Links zu den Exemplaren auf:

  1. Übersicht zu den Originalausgaben von “Mein Kampf”
  2. Weiterleitung vom obersten Link führt zu mehrbändigem Werk
  3. Klick auf “mehrbändiges Werk” führt wieder zu 1.
  4. Klick auf “Band 1” führt zu Exemplar ohne Bestellfunktion
  5. Klick auf “Band 2” führt zu Exemplar ohne Bestellfunktion

Weitere Exemplare gibt es nicht. Gestern gab es unten immer noch eine Signatur und den Vermerk, daß das Exemplar für mich reserviert sei. Heute nun gibt es beides nicht mehr. Das ganze weitet sich mittlerweile zu einer mittelschweren Konspiration aus. Ebenso denkbar ist natürlich, daß die SLUB endlich einmal die Bestellung vereinfacht, d.h. den Exemplaren die richtigen Signaturen und Bestellmöglichkeiten zuordnet. Selbstverständlich werde ich dieses Thema nun umso hartnäckiger und ausdauernd weiter verfolgen.

[UPDATE; Montag, 12. Mai 2014; 13:31 Uhr]
Das einzige in der SLUB verfügbare Exemplar von “Mein Kampf” wurde offenbar für mich bereitgestellt.

[UPDATE; Montag, 12. Mai 2014; 16:48 Uhr]
Kurz vor der heutigen Schließung der Sondersammlungen um 17 Uhr habe ich es geschafft: das alte, stinkende (im tatsächlich wortwörtlichen Sinn) behakenkreuzte Buch lag in meinen Händen und mir blieben nun noch wenige Minuten, um zunächst die Erklärung der SLUB auszufüllen, daß ich “Mein Kampf” nur zu persönlichen und wissenschaftlichen Zwecken nutzen werde. Im Grunde ist es ja tatsächlich beides, also stehe ich damit wohl auf der sicheren Seite. Dann noch schnell ein paar Photos gemacht und ein paar griffige Sätze abgeschrieben, und schon mußte ich das Buch wieder abgeben. Immerhin kann ich das Machwerk nun fünf Kalendertage unter meinem Namen in den Sondersammlungen belassen, und am Donnerstag hat sie auch bis 19 Uhr geöffnet. Da werde ich mich dann etwas eingehender damit beschäftigen. Und wer weiß: vielleicht finde ich dann ja auch dieses eine Zitat zu England, das meiner Seminararbeit einst erst die richtige Würze verliehen hätte.

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2 thoughts on “Mein Kampf mit der SLUB

  1. Hallo und danke für Ihre Geduld, Neugier und Ausdauer.
    In unserem Bestand befinden sich neben der sehr seltenen Erstausgabe zwei jüngere Ausgaben aus den Jahren 1933 (http://slubdd.de/katalog?TN_libero_mab21831100) und 1936 (http://slubdd.de/katalog?TN_libero_mab21076121), von denen eine im Lesesaal der Sondersammlung häufig nachgefragt wird. Die Benutzung von Hitlers “Mein Kampf” im Lesesaal ist also keine Ausnahme. Dass die SLUB offenbar so wenige Exemplare besitzt, liegt auch daran, dass nach 1945 die große Säuberung von NS-Büchern, die schon Victor Klemperer in seinen Tagebüchern beklagte, die einschlägigen Bestände der SLUB ein weiteres Mail dezimiert hat.
    Viel Erfolg und Grüße,
    Jens Bemme (SLUB Dresden)

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. In der Tat gibt es ohnehin nur noch wenige Exemplare; von daher wäre die Wiederveröffentlichung des Buches nach Auslaufen des Urheberrechtsschutzes meiner Meinung nach wichtig, vor allem um Rechtsgesinnten ein weiteres Argument aus den Segeln zu nehmen. Aber dafür sind Sie ja nicht zuständig.

      Vielen Dank auch für die Klärung, was die einzelnen Exemplare des Buches in der SLUB angeht. Aber dazu hatte mich Ihre Frau Schellbach in den Sondersammlungen gestern bereits umfassend informiert.

      Auch von mir viele Grüße!

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