Auf den Tag genau sind es heute vier Wochen, da ich meinen Kurs zum “Online-Redakteur” begonnen habe. Nach einer Eintageseinführung in alle Besonderheiten des Kurses sowie den Segmenten “Grundlagen des Journalismus”, “Medienrecht” und “Texten und Redigieren” stecken wir gerade noch im Baustein “Textwerkstatt: Nachricht und Bericht”. Und weil ich bei der heutigen Übung zwei Glossen zu tagesaktuellen Themen verfaßt habe, möchte ich die hier gerne veröffentlichen. Meinungen und Kommentare sind selbstverständlich erwünscht.


Der doppelte Giovanni di Lorenzo
Ganz grundsätzlich sagt sich der europäisch denkende Staatenbürger sicher: Giovanni di Lorenzo ist ein guter Mann. Weil er so eifrig sei, meinte gestern Abend auch Wolfgang Schäuble beim Polittalk mit Günther Jauch.

Während andere weniger europäisch angehauchte Mitbürger lieber den gesamten Wahlsonntag über am Alsterufer liegen und sich den ersten Sonnenbrand des Jahres abholen, hat der „Zeit“-Chefredakteur keine Mühen gescheut, um seinen Wahlwunsch gleich zweimal zu bekunden. Doppelt hält schließlich besser; im Falle von Di Lorenzo einmal als Giovanni im italienischen Konsulat; das andere Mal als Johannes in einer Hamburger Grundschule. Schließlich habe er auch das Recht dazu, weil er immerhin zwei Pässe habe, so Di Lorenzo in seiner etwas eigentümlichen Interpretation des allgemeinen Wahlrechts, wo klar gesagt wird, dass jeder Wahlberechtigte auch nur eine Stimme habe.

Bezeichnend jedoch, dass vier Tage vor der Wahl explizit auf diese Lücke im EU-Wahlsystem hingewiesen wurde: in der „Zeit“; von einem Landsmann Di Lorenzos.


Keine Demokratie mit degressiver Proportionalität
In Artikel 10, Absatz (1) des EU-Vertrags heißt es: „Die Arbeitsweise der Union beruht auf der repräsentativen Demokratie.“ Und das ist nicht einmal nur eine Beschönigung der realen Verhältnisse; es ist eine fadenscheinige Lüge. Denn tatsächlich beruht die Arbeitsweise der Union auf der degressiven Proportionalität, die ihrerseits alles andere als demokratisch ist.

Während nämlich auf Malta auf einen Abgeordneten im Europa-Parlament rund 70.000 Bürger kommen, sind es in Deutschland etwa 850.000 Bürger. Das Missverhältnis liegt auf der Hand, und es widerspricht dem Grundsatz, dass jede Wählerstimme gleich gewichtet sein soll.

Würde Europa tatsächlich auf dem demokratischen Prinzip beruhen, hätten wir die Wahl zwischen einem überschaubaren Parlament, in dem Malta von einem halben Abgeordneten repräsentiert würde. Oder aber wir blähen das Parlament auf, wenn wir auch die parteiliche Vielfalt Maltas berücksichtigen wollen.

Zugunsten der praktischen Umsetzung haben wir also stillschweigend hingenommen, dass Europa seine demokratische Grundlage abschafft. Vielleicht sollte sich Thilo Sarrazin einmal damit auseinandersetzen.

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