Was soll Presse leisten? Und wie weit darf Presse gehen? Das sind wohl die beiden wichtigsten Fragen, die stets gestellt werden müssen, doch gerade jetzt nach dem Flugzeugabsturz von Germanwings 4U9525 dringender denn jeh. Erneut habe ich mir die Titelblätter der Bild-Zeitung vorgenommen, um zu dokumentieren, was gerade in diesem Fall gar nicht schiefer hätte laufen können.

Die Titelblätter der Bild-Zeitung vom 25. März 2015 bis 27. März 2015.
Die Titelblätter der Bild-Zeitung vom 25. März 2015 bis 27. März 2015.


25. März 2015 – Dokumentation der ersten nüchternen Fakten

Quelle: Meedia.
Quelle: Meedia.
Wie jeder einzelne Mensch, wie jedes andere Medium, beherrschte auch die Titelseite der Bild-Zeitung am ersten Tag nach dem Absturz von Germanwings-Flug 4U9525 die ohnmächtige Fassungslosigkeit. Ein paar wenige Fakten waren erst bekannt, das Offensichtliche und nicht zu Leugnende: der Absturz in den Französischen Alpen, keiner der 150 Insassen hatte überlebt. Und so prangten diese Fakten auf der ersten Seite der Bild-Zeitung: nur ein großes Titelbild von der Absturzstelle und den üblichen großen schwarzen Buchstaben, rot unterstrichen, die nüchtern mitteilten, was geschehen war. Das Bild hatte einen schwarzen Rahmen bekommen; das Logo der Bild-Zeitung trug Trauerflor.

Am unteren Rand der Seite standen dann ein paar wenige Fakten und Ungereimtheiten, aus denen die Bild-Zeitung noch keine Schlüsse gezogen hatte – zu frisch noch war das Geschehen, zu groß das Entsetzen, um klare, rationale Gedanken fassen zu können. Acht Minuten lang befand sich das Flugzeug auf dem Sinkflug, doch kein Notruf war abgesetzt worden. Und von Beginn an stand die Schülergruppe aus Haltern mit ihren beiden Lehrerinnen im Fokus. Insgesamt waren 75 Deutsche unter den 150 Toten, doch von dieser übrigen überwiegenden Mehrheit sollte im Verlauf der Berichterstattung wenig bis gar nichts zu hören sein. Die gesamte Tragik des Unglücks manifestierte sich anhand dieser sechzehn Jugendlichen. Doch auf dieser ersten Titelseite spiegelte sich zunächst nur der Schock eines gesamten Landes.

26. März 2015 – Trauer und der Versuch die Lücken zu schließen

Quelle: Meedia.
Quelle: Meedia.
Erst im Verlauf des zweiten Tages war der Flugschreiber gefunden worden, was gemessen an dem Chaos vor Ort dennoch eine beachtliche Leistung war. Trotzdem gab es noch keine Antworten auf all die Fragen, die nun nicht nur die Bild-Zeitung stellte. Bisher hatte man lediglich feststellen können, daß dem Aufprall am Felsen keine Explosion vorhergegangen war. Dennoch hatte es keinen Notruf der Piloten gegeben. Und die Bild-Zeitung mutmaßte, ob die Piloten vielleicht aus welchen Gründen auch immer bewußtlos gewesen seien. Einen technischen Defekt konnte man zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht ausschließen, dennoch hätte es in diesem Fall wohl einen Notruf gegeben. Die Spekulationen konzentrierten sich daher auch von Beginn an um die beiden Piloten.

Mittlerweile beschränkte sich das Fernsehen auf die Berichterstattung aus Haltern und da vor allem von der Schule, aus der die sechzehn Schüler und ihre beiden Lehrerinnen stammten. Allerlei Informationen wurden hier gebetsmühlenartig wiederholt. Ihre Plätze für die Austauchwoche in Spanien seien ausgelost worden, und eine der Lehrerinnen habe erst vor kurzem geheiratet. Dazu wurden immer wieder Bilder von Angehörigen gezeigt – so wie bereits einen Tag zuvor vom Flughafen in Düsseldorf – zwar waren keine Personen deutlich erkennbar und die Presse war mittels Absperrbändern auf einen Respektsabstand gehalten worden, dennoch muß man die Frage stellen, welchen Mehrwert und Informationsgehalt es für die Öffentlichkeit hat, die trauernden Angehörigen mit unzähligen Pressefahrzeugen und Journalisten in ihrer unmittelbaren Umgebung zu belästigen. Daß die Angehörigen der Opfer trauern, kann ich mir auch ohne Fernsehlivebilder lebhaft vorstellen.

27. März 2015 – Ein Mann wird an den Pranger gestellt

Quelle: Meedia.
Quelle: Meedia.
Auch an Tag Drei nach dem Unglück bemühte die Bild-Zeitung ihre gesamte Titelseite für ein einziges Bild. Der schwarze Rand war geblieben, doch bezeichnenderweise fehlte hier der Trauerflor über dem Bild-Logo. Mit den neuen Informationen sollte nun schließlich nicht mehr getrauert werden, sondern angeklagt und bloßgestellt. Man merkt dieser Titelseite an, daß die Bild-Zeitung nun endlich wieder in ihrem Element war. Mit den neuen Informationen vom analysierten Flugschreiber, die der französische Staatsanwalt tags zuvor der anwesenden Presse und mittels Live-TV-Bildern auch der breiten Öffentlichkeit übermittelt hatte, war die Bild-Zeitung in der Lage, ganz tief in die Kiste mit den reißerischen Begriffen zu greifen.

Wie selbstverständlich wurde der Co-Pilot nicht nur bei vollem Klarnamen genannt, sondern ein Bild von seiner mittlerweile gelöschten Facebook-Seite zierte nun als Titelbild Seite Eins der Bild-Zeitung. Zudem erhielt er schmückende Beinamen wie “Amok-Pilot” und “Massenmörder”. Dabei hatte der französische Staatsanwalt bisher lediglich konstatiert, daß der Co-Pilot zum Zeitpunkt des Absturzes allein in der Kabine gewesen war. Auf die Rufe seines Piloten, die Kabinentür zu öffnen, habe er nicht reagiert, dennoch habe der Stimmrecorder normale Atemgeräusche aufgezeichnet, die darauf hindeuten, daß der Co-Pilot bei Bewußtsein war und auch bewußt gehandelt hat, als er das Flugzeug wohl mutwillig in den Bergen zum Absturz gebracht hat. Mit all diesen Informationen war es durchaus noch möglich gewesen, daß der Co-Pilot vielleicht aufgrund einer Depression gar nicht anders handeln konnte. Der Fall von Robert Enke fällt mir in diesem Zusammenhang ein. Der frühere Fußballtorwart hat zwar keine anderen Menschen mit in den Tod gerissen, doch war er zum Zeitpunkt seines Suizids ein Getriebener und nicht Herr seines eigenen Willens. Ich maße mir nun nicht an, alle Feinheiten eines sogenannten erweiterten Suizids psychologisch erfassen zu können, doch so endgültig, wie vor allem die Bild-Zeitung mit Begriffen wie “Amok-Pilot” und gar “Massenmörder” umgegangen ist, kann das kaum noch als Journalismus bezeichnet werden.

Zudem ist es grob fahrlässig zu nennen, nicht nur den vollen Klarnamen des Co-Piloten, sondern auch sein Bild und seinen Wohnort zu veröffentlichen. Es dauerte jedenfalls nicht lange, bis Pressescharen wie eine ausgehungerte Hundemeute zum Elternhaus des Co-Piloten strömten, um dort Nachbarn zu befragen. Die Eltern waren zu diesem Zeitpunkt mit allen anderen Angehörigen der Opfer unterwegs in die Unfallregion, um vor Ort die Aufarbeitung ihrer Trauer fortzusetzen.

28. März 2015 – Ein Mann wird berühmt

Quelle: Meedia.
Quelle: Meedia.
Am vierten Tag nach dem Unglück schließlich wurde das große Photo abgelöst vom üblichen Erscheinungsbild der Titelseite der Bild-Zeitung. Nun hatte auch wieder Werbung Platz und andere kleine Meldungen aus Sport und Politik. Dennoch war der Co-Pilot weiterhin Titelthema Nummer Eins. Nun hatte man die Ex-Freundin ausfindig gemacht, die verlautbarte, der Co-Pilot habe ihr gegenüber gesagt, daß eines Tages jeder seinen Namen kennen würde. Nachts habe er von Flugzeugabstürzen geträumt, zudem sei er wütend gewesen, weil er nie Kapitän werden würde. Zur Illustration dieser Aussagen hat sich die Bild-Zeitung ausgerechnet ein Selfie des Co-Piloten ausgesucht, auf dem er ausgesprochen freundlich aussieht. Daneben erneut die Titulatur “Massenmörder”. Hier wird ganz offensichtlich mit diesen scharfen Gegensätzen gespielt: das Bild vom netten jungen Mann von nebenan versus schreckliche Aussagen von Phantasien eines ganz klar nicht netten jungen Mannes. Auf ihrer Online-Seite versuchte die Bild-Zeitung heute zudem dem Phänomen des Bösen nachzugehen. Und der Co-Pilot von Germanwings-Flug 4U9525 wurde geradezu zum Prototyp auserkoren, an dem man sich nun abarbeiten kann.

Fazit

Die Presse ist in erster Linie dazu da, die Öffentlichkeit zu informieren und die Informationen in solcher Weise zu beschreiben, daß sie von jedermann verstanden werden. Dazu gehört es auch, Informationen zu interpretieren, nie jedoch voreilige Schlüsse als Tatsachen zu berichten und schon gar nicht einseitig und zu gefühlsbetont zu informieren.

Daß der Klarname des Co-Piloten genannt wurde, ist in erster Linie dem französischen Staatsanwalt anzulasten. Und man kann sich durchaus fragen, ob die Öffentlichkeit nicht das Recht dazu hat, über diesen Menschen allumfassend informiert zu werden, der für eine derartige Tat verantwortlich ist. Man kann jedoch auch anders fragen: weshalb haben wir nur seinen Namen erfahren, nicht aber den Namen des Piloten, der offenbar alles versucht hat, um doch noch in die Kabine zu gelangen, um den Absturz zu verhindern? Wir kennen auch kaum einen Namen der anderen Opfer, was vordergründig aus Pietätsgründen zum Wohle der Hinterbliebenen geschieht. Doch auch der Co-Pilot hatte eine Familie, die nun mit an den Pranger gestellt wird, obwohl sie nichts mit der Tat zu tun hat.

Und weiter: hat der Co-Pilot mit der Veröffentlichung seines Namens, mit der Ausbreitung seiner Lebensgeschichte in Presse und Rundfunk nicht genau das erreicht, was er wollte? “Eines Tages wird jeder meinen Namen kennen” – diese Worte ausgesprochen noch als heimlicher Wunsch, nun verwirklicht in erster Linie durch die Bild-Zeitung, die dem “Amok-Piloten” und “Massenmörder” eine Plattform gegeben hat, die er zu Lebzeiten wohl nie bekommen hätte.

Germanwings hat als Konsequenz des Unglücks nun die Zwei-Personen-Regel im Cockpit eingeführt, so daß es nun nicht mehr möglich ist, sich für eine gewisse Zeit allein in der Kabine befinden zu können. Es wäre wünschenswert, wenn auch die Presse, vor allem aber Boulevardmedien, Konsequenzen aus dieser Katastrophe ziehen würden.

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