Etwas warmes lag auf ihrem Gesicht – ein Gefühl und etwas materielles. Ersteres war unbestimmbar, eben warm, gleichwohl es ihr ebenso freundlich, heiter und strahlend erschien. Das andere bestand wohl aus Wolle oder einem ähnlich weichen Stoff, an den sie sich gekuschelt hatte. Sie war noch nicht gänzlich erwacht, und so genoß sie diesen augenblicklichen Zustand, den sie für den Moment nicht verändern wollte. Eine geringfügige Unbequemlichkeit war ihrer Gesamtsituation jedoch nicht abzusprechen, da direkt unter ihr in gleichmäßigem Rhythmus ein paar Räder ratterten und sie sich zudem andauernd genötigt sah, ihren Körper durch unkontrollierbare Kräfte von einer Seite zur anderen schwingen zu lassen, denn sie saß offenbar in einem Auto, das ständig einige mehr oder weniger schwerwiegende Kurven zu bewältigen hatte.

– Schaut euch mal die zwei dort hinten an! – , gelangte da plötzlich eine aufdringlich laute Stimme an ihr Ohr.

– Ist das nicht süß? He, Alexandra, gutes Timing, der Marcus war auch gerade eingeschlafen.

Sie blinzelte und blickte direkt in die munter grinsenden Augen eines jüngeren Kommilitonen. Soweit ihre Erinnerungsfähigkeit reichte, hörte er auf den Namen Martin und studierte zwei Semester unter ihr. So viel glaubte sie noch, über ihn von der allgemeinen gegenseitigen Vorstellung vor ihrer Abfahrt, behalten zu haben. Martin sah ein bißchen struppig aus, seine halblangen, dunklen Haare standen nach allen Seiten von seinem Kopf ab, der Anflug eines Bartes war über Nacht entstanden und seine große, markante, aber spitze Nase warf unter dem hellen Morgenlicht einen beachtlichen Schatten über das restliche Gesicht. Alexandra konnte daher ein spitzbübisches Schmunzeln nicht unterdrücken.

Erst wenige Sekunden später fühlte sie sich imstande, ihre abnorme Haltung zu registrieren. Mit schmal zusammengekniffenen Augen wandte sie ihren Kopf langsam nach rechts und spürte mit einem Mal den warmen, jedoch keineswegs unangenehmen Atem von Marcus, einem weiteren Mitstudenten, der sich ebenso wie all die anderen unvorsichtigerweise in diesen dunkelblauen Kleinbus gequetscht hatte, ihre Wangen entlanggleiten. Ihr Mund war nur wenige Millimeter von dem seinigen entfernt, und so brachte sich Alexandra in eine bequemere, also gerade, aufrechte Position, um nicht gleich am ersten Tag Gesprächsstoff für eventuelle Gerüchte aufkommen zu lassen, zumal Marcus auch gar nicht so recht ihr Typ war.

Alles an ihm war ein wenig überdurchschnittlich pummelig, die blonden Haare trug er für ihren Geschmack etwas zu kurz. Außerdem war ihr anhand der Gespräche am gestrigen Abend nicht entgangen, daß ihn wohl mehr Stricken und Häkeln als Fußball begeisterte. Sie nannte so jemanden einen Wischi-Waschi-Typen, dessen Interpretation sie jedoch nicht unbedingt negativ ansetzte. Marcus schien ansonsten recht nett, umgänglich und liebenswert zu sein, nichtsdestoweniger fühlte sie sich allenfalls in der Lage, etwas mit Männern anzufangen, mit denen sie ab und zu auch einmal ein gepflegtes Streitgespräch zu führen imstande war. Und ihr derzeitiger Nachbar, der just in diesem Moment so friedlich neben ihr träumte und dadurch irgendwie etwas bärchenhaftes an sich hatte, war für solch eine Art von Konversation wohl zu sensibel – Alexandra würde wahrscheinlich ständig Angst haben müssen, ihn mit nicht einmal böse gemeinten, jedoch ein wenig sarkastischen, Wortfetzen, zu kränken oder sonst irgendwie tief in seinem gutmütigen Herzen zu verletzen, schon aber stärker als gewollt zu treffen.

Alexandra brach ihre psychologische Analyse für den Moment ab und wandte sich ihrem nächsten Untersuchungsobjekt zu. Direkt links von ihr flog eine abwechslungsreiche Landschaft vorbei. Am Horizont war unter dem ersten hellen Schein der noch nicht aufgegangenen Sonne eine Bergkette zu erkennen, und im Vordergrund alternierten kleinere mit größeren Dörfern, Weiden mit Feldern und Hainen. Prof. Dr. Simon Hanisch, der Fahrer des Kleinbusses, benutzte folglich Landstraßen anstatt der eintönigen Autobahnen, um seinen Studenten während der ansonsten eventuell öden Reise ein polyphones und idyllisches Außenbild präsentieren zu können. Alexandra genoß es. Glücklich anmutende, weidende Kuhherden, silbern glänzende kleine Teiche, urige Hüttensiedlungen mit anmutigen Kirchen in deren Zentren und bunt blühende Felder zogen an ihrem Auge vorbei.

– Martin, wo sind wir denn ungefähr? –, fragte Alexandra, weiterhin träumend die Gegend um sie bestaunend, ihren Kommilitonen, der neben Herrn Hanisch auf der Beifahrerseite saß und ihr gestelltes Problem ihrer Ansicht nach am besten zu lösen imstande war, vor allem aus dem Grund, da er die Straßenkarte in seinen Händen hielt und diese fortwährend anstarrte.

– Kurz vor Populonia, schätze ich. –, antwortete Martin murmelnd in sein Schriftstück vertieft.

– Wo soll das denn liegen?

Alexandra hatte sich ihrem Mitstudenten nunmehr zugewandt und ließ ihre Stimme fordernd klingen, denn ihr war dieser sogenannte Ort nicht im entferntesten bekannt. Martin funkelte sie mit seinen grün blitzenden Augen an.

– Schau doch mal nach rechts. Was siehst du dort?

– Kannst du es mir nicht einfach sagen?

– Ach, komm schon. Tu mir den Gefallen. Das gibt mir eine besondere Art von Bestätigung.

Beide schauten sich kurz an, ehe Alexandra seufzte und schließlich einen Blick aus dem rechten Fenster riskierte. Ganz in der Nähe befand sich so etwas wie ein Abhang und dahinter eine Art See oder Meer, das sich bis zum Horizont erstreckte und dort ein bißchen rot anmutete.

– Wasser. –, erwiderte Alexandra deshalb wahrheitsgetreu und knapp, denn sie hatte keine große Lust auf derartige Spielchen. Im Grunde war sie schließlich allenfalls gewillt zu erfahren, wo ungefähr sie sich befanden, und dabei konnte ihr die Ortsbezeichnung Populonia nicht wirklich weiterhelfen.

– Im Prinzip richtig, aber was befindet sich in dem Wasser?

– Fische? Versunkene Schiffswracks? Ertrunkene Taucher? Wie soll ich anhand dessen erkennen, wo wir sind?

– Daran natürlich nicht; aber wie wäre es mit diesem Stück Land dort?!

Martin deutete in Richtung des weiten, endlos scheinenden Meeres an eine Stelle, an der sich tatsächlich eine Insel befand.

– Martin, bitte!

Alexandra war gewillt, die Landschaft zu genießen, die Pinien – und Steineichenwälder um sie herum, sie wollte genießen, wie der langsam aus den Fluten sich empor schiebende Feuerball die Felder in ein glutrotes Licht tauchte und sie damit Stück für Stück zum Leben erweckte. Deshalb ließ sie ihre Stimme nun auch lauter und bestimmt klingen.

– Dort vorn liegt Elba – Napoleons vorletzte Herberge. Ich fahre einen geringfügigen Umweg, damit wir uns von Populonia aus den Sonnenaufgang ansehen können – das soll äußerst romantisch sein. –, entspannte Simon Hanisch die Situation, und seiner Äußerung war anzumerken, daß er dabei ein dickes, hintergründiges Grinsen aufgelegt hatte.

– Außerdem befinden sich dort einige etruskische Grabhügel, so daß dieses Örtchen natürlich nicht ohne Hintergrund ausgewählt wurde. –, fügte Martin mit gespieltem Ernst hinzu.

Kurz darauf flog das Ortseingangsschild von Populonia an dem kleinen Bus vorüber, und der Professor lenkte das Gefährt auf eine Lichtung ganz in der Nähe des Ufers, stellte den Motor ab und lümmelte seinen Oberkörper, der in einem hellgrünen Hemd steckte, auf die Rückseite seines Sitzes.

– So, meine Lieben, Zeit zum Aufstehen.

Simons Augen blitzten hinter seiner etwas zu großen Brille mit jugendlichem Charme und einer Energie, die Alexandra bei jedem anderen zu solch früher Stunde pervers erschienen wäre. Seine angegrauten Haare ließen jeden Sinn für eine anständige Frisur vermissen; im Gegenteil dazu war er wohl, jedenfalls auf sein Äußeres bezogen, der Idealtypus des zerstreuten Professors und würde damit jedes Klischee bestätigen können. Der erste goldene Sonnenstrahl fiel auf seine rechte Hand, und ein helles Blitzen blendete Alexandra für einen winzigen Augenblick.

Wenig später standen acht teilweise noch horrend verschlafene Personen an der Küste des Mittelmeeres, das durch den sachten, kühlenden Wind leicht gekräuselte Wellen schlug und das Licht der Sonne in Millionen winziger Parzellen zerteilte. Martin und Marcus standen neben Alexandra und Simon Hanisch, Josua, Leonard, Ester und Michael hatten sich in einigem Abstand dazugesellt. In den Seminaren an der Universität waren sie sich noch nicht häufig über den Weg gelaufen, dennoch besaßen sie eine nicht zu unterschätzende Gemeinsamkeit: Alle waren von Simon Hanisch als Professor und Mensch fasziniert und hatten sich durch hartnäckige Fragen und kurze, interessante Gespräche nachhaltig in sein Langzeitgedächtnis eingeimpft. Durch und über ihn waren die sieben Studenten schließlich auch zu dieser Exkursion gelangt. Simon hatte sie gefragt, ob sie an einer historischen Veranstaltung während der Semesterferien, in denen man sonst ja in den wenigsten Fällen das unbedingte Bedürfnis auf lernen und forschen hat, Lust hätten, da er sie alle für interessiert und befähigt hielt, und obwohl die anfängliche Euphorie ob der Finanzierung in ihren Grundfesten leicht erschüttert worden war, da die sogenannte

‘Studienreise nach Akragas/Agrigentum/Agrigento – Sizilien zur Erforschung der dortigen kulturellen und sozialen Wurzeln im Gesamtfokus der derzeitigen politischen Situation’

aus der Tasche der Teilnehmer finanziert und mit keinem Euro gefördert wurde, war vor der Abfahrt, als sich alle um den Kleinbus versammelt hatten, und jetzt, da die acht Historiker im Schatten etruskischer Vergangenheit dem Sonnenaufgang über Elba beiwohnten, eine besondere Art von Hochstimmung zu verspüren, die sich wohl auf die zu erwartenden Ereignisse und Erlebnisse während der folgenden Woche bezog.

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