Als sich die große, rote Scheibe aus dem dunklen Wasser gequält hatte und die gesamte Umgebung nunmehr sonnendurchflutet und warm vor ihnen lag, setzte die kleine Gruppe ihre Reise in Richtung Süden fort. Martin hatte sich wieder den Beifahrersitz erkämpfen können und vergrub sein Gesicht die gesamte Zeit über in der Straßenkarte, obwohl es dafür keinen Grund gab, denn Simon Hanisch orientierte sich einfach am Verlauf der Küste, die er rechts liegenließ.

Alexandra saß diesmal zwischen Marcus, der ihren Platz eingenommen hatte und Leonard. Dieser war ihr sehr sympathisch, obwohl sie nicht genau sagen konnte, woran das lag. Lenny machte sich vor allem dadurch interessant, daß er die meiste Zeit über ruhig war. Sein langes Gesicht war zu jeder Tages – und Nachtzeit durchzogen von Ausgeglichenheit und Allwissenheit. Die tiefen braunen Augen schienen jeden Eindruck, der an ihm vorbeiflog, aufzunehmen und in kleinen Karteikärtchen im Gehirn abzuspeichern. Sein feingliedriger langer Körper steckte in einer hellblauen ausgewaschenen Jeans und einem grobgestrickten grauen Wollpullover, und die wenigen Worte, die er sprach, klangen wie Musik, wie ein klassisches Musikstück freilich, mit Geigen, Harfen, Klavier und Cello. Wenn er etwas sagte, dann schien die Zeit stillzustehen, dann schienen die Vögel aufzuhören zu singen, denn seine klare dunkle Stimme paßte zu seiner gesamten Erscheinung. Ja, er war wohl eine Erscheinung, seine Augen schienen das Tor zu einer anderen Welt zu sein, die einen gefangennahm, wenn sie einen ansahen. Lennys Frisur vervollkommnete das Bild eines geheimnisvollen Menschen, das jeder von ihm hatte. Er trug seine tiefschwarzen Haare im Stil der altrömischen Aristokraten: kurz im Nacken, auf dem Oberkopf etwas länger nach vorn gekämmt und an den Seiten ein paar Strähnen über den Ohren, allerdings nicht lockig sondern gänzlich glatt, ohne die kleinste Welle. Alexandra war so sehr davon fasziniert, neben ihm zu sitzen, daß sie es nicht wagte, sich mit ihm zu unterhalten, aus Angst, sie könne sich in seinen Augen verlieren, und sich dadurch zum großen Gespött in diesem Kleinbus machen, weil ihr einfach die Stimme versagen würde. Also ging sie besser kein Risiko ein. Die Woche war ja noch lang, und es würde sich bestimmt eine Gelegenheit bieten, in der sie Leonard einmal allein antraf.

Josua, Ester und Michael spielten auf der letzten Reihe Skat. Sie waren nun ungleich munterer als noch vor einer Stunde, als sie sich unter Mühen zu den anderen an den Strand von Populonia geschleppt hatten. Die beiden Jungs waren Alexandra, jedenfalls was den ersten Eindruck betraf, nicht unsympathisch. Josua war schon etwas älter, so um die 35 etwa. Er hatte erst etwas später mit der Studiererei begonnen, und ihn hatte Alexandra schon häufiger gesehen als die anderen, was wohl auch daran lag, daß sein Äußeres doch sehr auffällig war: Die dunkle Sonnenbrille, die er beinahe ständig trug, schützte ihn mehr vor seinen halblangen, gelockten Haaren, statt daß sie seine Coolness unterstützen sollte, sein Klingonenbart war unter dem vollen Mund schon leicht angegraut, und seine Kleidung stammte komplett aus allen möglichen Second-Hand-Läden der Welt. Sein liebstes Stück war, wie er Alexandra mal bei einer Versammlung offenbart hatte, seine olle, zerfledderte Strickjacke aus Mexico. Die besaß sämtliche Herbstfarben mit diesen typischen Mayamustern und war superbequem; eigentlich trug er nie etwas anderes über seinen grauen T-Shirts als diese Jacke, und durch diese war er daher auch aus weiterer Entfernung gut zu identifizieren. Um es mit einem Wort zu sagen: Josua war der typische Späthippie.

Michael war das pure Gegenteil. Mit Josua hatte er nur die eine Gemeinsamkeit, nämlich daß er Skat spielte, und selbst das konnte man sich an ihm beim besten Willen nicht vorstellen. Der etwas zu klein geratene 19jährige war blutiger Anfänger – Erstsemestler – und hatte sich durch sein Drängen, unbedingt nach Sizilien mit zu wollen, bei der Menge an Kommilitonen, die das auch gern wollte, natürlich nicht direkt beliebt gemacht. Doch da Simon Hanisch kein spezielles Auswahlverfahren, außer der Prämisse „Wer zuerst kommt ist drin“, veranschlagt hatte, auch weil er es nicht noch unnötig kompliziert gestalten und sich keine zusätzliche Arbeit aufhalsen wollte, war es für Michael ein leichtes, sich schon in aller Herrgottsfrühe vor die Tür des Institutsekretäriats zu stellen und somit der erste in der letztlich langen Schlange zu sein. Man sah es ihm freilich an, daß er frisch vom Gymnasium kam, weshalb er auch, als er freudestrahlend das Zimmer des Geschichtsprofessors verlassen hatte, überdurchschnittlich viele böse Blicke erntete, ist doch der gemeine Student, oder zumindest der, der schon einige Semester glücklich hinter sich gebracht hat, ein Langschläfer, der erst fünf Minuten vor der Angst aus dem Haus schlurft und versucht, sich dann doch noch irgendwie in die Kurse oder eben Exkursionen zu mogeln. Es gibt da Experten, die in sowas ziemlich gerissen sind. Wenn man dann allerdings so einen jungen Schnösel im Zweireiher forsch an sich, der man selbst in verlotterten Klamotten halb an der Wand hängend vor sich hin triefte, vorbeifliegen sah und den pervers frischen Duft von irgendeinem schweineteuren Deo noch Stunden später in der Nase hängen hatte, dann war man ehrlich gesagt mit der Welt fertig, schließlich konnte man in dem Moment nicht ahnen, wie viele dieser Schleimer schon vor einem einen dieser sieben heiß begehrten Plätze ergattert, und man die nur nicht bemerkt hatte, weil man mal wieder im Stehen eingeschlafen war. Michael trug selten etwas anderes als Anzüge, freilich kaum mit Krawatte oder gar Fliege, aber doch in den Augen seiner Kommilitonen spießig genug, um sich ihm gegenüber etwas distanzierter zu verhalten. Der Junge mit den großen braunen Augen, dem braven Kurzhaarschnitt und den besonders auffälligen feingliedrigen Händen, war jedoch zu naiv, um daran irgend etwas negatives zu finden. Im Gegenteil: Durch sein offenes Auftreten und seine besondere Gabe, zu allen Themen unzählige Fragen zu formulieren und diese auch wohlartikuliert dem Dozenten kund zu tun, förderte er den Spott seiner Kommilitonen, der sich hinter seinem Rücken über ihn ausbreitete, wie die Pest im Mittelalter, geradezu noch herauf. Er selbst bemerkte es nicht, oder wollte es nicht wahrhaben, denn er dachte nur an sein Studium, das er möglichst erfolgreich beschließen wollte. Besonders seinem Vater mußte er beweisen, daß seine Wahl, Alte Geschichte zu studieren, nicht hätte besser getroffen werden können, war dieser doch sehr enttäuscht darüber, daß sein Sohn nicht Arzt werden wollte wie er und seine Frau. Aus diesem Grund war Michael davon überzeugt, Opfer bringen zu müssen, und eines wäre eben, keine Freunde haben zu dürfen, die ihn schließlich beim Studium nur stören würden.

Jetzt allerdings spielte er mit Josua und Ester Skat, und es machte ihm, wie er sich selbst beängstigt eingestehen mußte, tatsächlich großen Spaß. Josua war wie ein großer Bruder, obgleich Micha freilich mit dessen Kleidungsstil wenig anfangen konnte. Ester glich dagegen einem aus der Schale gepellten Ei – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ein aufdringlich durchsichtiges Kleidchen in zarten Blau- und Rosatönen sah sich genötigt, ihre Unterwäsche durchblitzen zu lassen, was sie jedoch durchaus beabsichtigt hatte – jedenfalls war dies anzunehmen, nach der Art und Weise ihrer lasziven Räkeleien auf dem Sitz, der ob ihrer Benutzung geadelt schien. Das lange blonde, leicht gewellte Haar legte sich ständig bösartigerweise vor ihre Augen, so daß sie dazu gezwungen war, ihre Mähne divenhaft aus ihrem Antlitz zu verbannen. Ihr Gehabe hatte in Alexandras Augen etwas lächerliches, etwas primitives. Sie beobachtete die Vorgänge hinter sich ab und zu durch den Rückspiegel des Kleinbusses, und wenn sich dabei ihre und Simons Augen trafen, warfen sie sich ein bedeutungsschwangeres Lächeln zu.

Die Zeit verging wie im Fluge. Simon und Martin ergänzten sich in vorderster Front sowohl kenntnisreich als auch humoristisch ausgezeichnet, und Alexandra klinkte sich hin und wieder in die Gespräche ein. Sie saß ja nun in der Mitte und genoß daher einen allumfassenden Blick auf die Straße und sah dabei, wie Zypressenhaine und golden leuchtende Rapsfelder an ihnen vorbeizogen. Leonard neben ihr war ein einziges großes Schweigen. Seine Hände lagen ineinander verschränkt auf seinem Schoß, und er starrte die ganze Zeit über aus dem Fenster, während sie sich große Mühe gab, an Simon Hanisch und Martin vorbei auf die Straße zu schauen. Leonard hatte dieses gewisse Etwas, das sich eine Frau bei einem Mann wünschte. Man kann so etwas schlecht beschreiben. Während Alexandra sich gerade damit abfand, daß ihr Nachbar höchstwahrscheinlich schwul war, hatte Martin wieder einen dieser glorreichen Gedanken, für den sie ihn mehr als nur bewunderte – sie haßte ihn dafür, allerdings im positiven Sinn.

– He, wie wär’s, wenn wir in Rom was essen würden? Ihr habt doch bestimmt alle Hunger?

– Moment, Moment, junger Mann! Wir müssen heute noch bis Villa S. Giovanni. Von Rom bis dahin sind es noch ca. 650 km. Jetzt ist es um 11 Uhr. Und nun rechnen Sie mal bitte aus, wann wir bei einer ungefähren Durchschnittsgeschwindigkeit von 70 km/h dort ankommen sollen, wenn wir zwei Stunden in Rom vertrödeln.

Simon war nicht direkt verärgert über die kurzfristigen Planungsversuche seines Studenten, zumal es ja tatsächlich an der Zeit war, ein Essen zu sich zu nehmen, doch der Professor hatte eher daran gedacht, zunächst mal die eigenen Reserven aufzubrauchen, was bedeuten würde, das Mittag auf Käsesemmeln und Cola aus Dosen zu reduzieren. Die Zeiteinsparung wäre geradezu phantastisch und von Herrn Prof. Dr. auch so eingeplant gewesen. Was er jetzt gar nicht brauchen konnte, war ein Student, der es nicht schaffte, mal einen Tag ohne eine ordentliche Mahlzeit zum Sonnenhöchststand auskommen zu können.

– Wie ich an dieser Karte erkennen kann, gibt es doch auch eine Fähre ab Neapel, die in Palermo ankommt. Wieso fahren wir nicht mit der?

Simon dachte kurz nach, aber ihm fiel keine passende Antwort ein, da es in der Tat egal war, welchen Weg sie wählten.

– Na fein. Gehen wir in Rom essen. Aber … das soll nicht heißen, daß Sie ohne Schramme aus dieser Geschichte rauskommen, Herr Kaninck! Als kulturellen Beitrag werden Sie uns die Gründungsgeschichte Roms mit ihrer Bedeutung für die Gegenwart sowie den derzeitigen Forschungsstand auf diesem Gebiet vortragen.

„Hostaria Ulderico a San Clemente“ auf der Via San Giovanni ganz in der Nähe des Colosseums war ein wohliges Fleckchen Italien, in dessen lauschigem Innenhof man ganz vernünftig dinieren konnte. Das winzige Restaurant hatte nur den einzigen Nachteil, daß Simon seine Zigarette „danach“ auf etwas später verschieben mußte, seinen Studenten war die frische Luft eher angenehm. Es duftete nach frischem Basilikum, saftigen Tomaten und einer kräftigen Portion Spaghetti di Roma, die der Kellner, der mit seinen schwarzen Locken, dem Anflug eines Schnauzers und einer äußerst gesunden Gesichtsfarbe aussah wie der Durchschnittsitaliener, vor Martins hungrigen Augen abgestellt hatte, als dieser ein letztes Mal den Versuch startete, um seinen Vortrag herumzukommen.

– Ich darf doch wenigstens noch essen, oder?

– Strafe muß sein! Sie unterhalten uns, während wir essen, und Sie dürfen im Anschluß daran die kalten Spaghetti genießen.

– Das ist nicht Ihr Ernst? – Martin war ehrlich entsetzt.

– Natürlich nicht. Eßt erst, amüsieren können wir uns danach.

Damit hatte Herr Hanisch, wohl ohne es richtig ernst zu meinen, den Nagel frontal auf den Schädel getroffen. Der Strubbelkopf, der jetzt in tiefe Gedanken versunken an jeder Nudel einzeln kaute, spielte sonst ganz gerne den Clown, gab stets vor, daß das Studium für ihn ein einziger großer Spaß war, doch blamieren wollte er sich natürlich auch nicht. Aber genau das stand ihm nun bevor. Romulus und Remus! Klar, die Sage kannte ja jeder, aber „Bedeutung für die Gegenwart“? „Derzeitiger Forschungsstand“? So, wie es aussah, hatte er genau zwei Möglichkeiten, aus der Sache unbeschadet rauszukommen: Er konnte sich entweder die Zunge abschneiden oder einen auf vergiftet machen. Simon Hanisch, der ihm direkt gegenüber saß, schien seine Gedanken zu ahnen, jedenfalls murmelte der Professor, indem er Martin über seine Brille hinweg angrinste:

– Es wird schon nicht so schlimm werden. Wir sind doch hier nicht beim Examen. Wir helfen Ihnen auch, wenn Sie mal nicht weiterkommen. Es soll ja auf keinen Monolog hinauslaufen, sondern auf eine gepflegte Diskussion.

Martin riß die linke Augenbraue nach oben, warf Simon einen süffisanten Blick zu und lutschte dann gleich weiter an seinen Teigwaren herum.

Als seine Kommilitonen schon an einem fruchtig-kalten Gelato löffelten, lagen noch immer ein paar Spaghetti und getrocknete Soße auf seinem Teller. Martin konnte es gar nicht langsam genug gehen, und doch kam irgendwann die Sekunde, als die letzte, schon lange erkaltete, Nudel in seinen Mund flutschte und er gezwungen war, seine ständige Kaudynamik zu beenden.

– Na, Herr Kaninck, da kann es ja losgehen. Wir hören Ihnen gespannt zu!

Simon war durchaus nicht gehässig, jeder sollte seinen Vortrag leisten, so hatte es der Geschichtsprofessor eingeplant. Schließlich sollte diese Reise keine Kaffeefahrt werden. Und einen Vorteil hatte das Ganze für Martin ja auch: Er würde seinen Teil der Abmachung schon zu einem frühen Zeitpunkt der Studienwoche eingelöst haben. So holte er noch einmal tief Luft und begann dann mit seinem unvorbereiteten Referat.

– Ganz am Anfang der mythischen Erzählung stand der Troianische Krieg. Aeneas, der der Sohn der Göttin Venus war, hatte aus dem brennenden Troia seinen Vater – den Namen weiß ich jetzt nicht …

– Anchises.

– Aha. Also, Aeneas rettete seinen Vater Anchises und seinen Sohn …

– Ascanius.

– … mit allen Penaten, also den Hausgöttern, aus dem brennenden Troia. Sie flohen mit einem Schiff, kamen irgendwann in Karthago an, wo Aeneas dann diese Dido verließ, die unglücklich in ihn verliebt war …

– Wo wird diese alte Romanze berichtet?

– In den Metamorphosen des Ovid?

– Genau.

– Okay. Aeneas ließ Dido also sitzen und schiffte weiter bis an die Küste von Latium. Dort heiratete er dann … Lavinia, die Tochter des in Latium ansässigen Königs Latinus und gründete die Stadt Lavinium. Der Sohn von Aeneas – von dem weiß ich den Namen auch nicht …

– Ich auch nicht.

– Na, dann ist es ja vielleicht auch egal. Jedenfalls gründete dieser Sohn ein Stück von Lavinium entfernt die Stadt Alba Longa, wo sein Geschlecht ein paar Jahrhunderte lang herrschte. Irgendwann gab es dann die beiden Brüder Numitor und Amulius – auch aus diesem Geschlecht. Numitor war der Ältere, und er wäre demnach auch König gewesen, doch sein Bruder riß die Herrschaft an sich und machte die Frau von Numitor, Rea Silvia …

– Seine Tochter; Rea Silvia war seine Tochter.

– Na gut, also Rea Silvia wurde jedenfalls von Amulius zum Dasein als Vestalin verurteilt, damit sie keine Kinder bekommen und damit für einen Rivalen auf den Königsthron sorgen konnte. Schwanger wurde sie natürlich trotzdem und zwar von Mars, dem Kriegsgott und brachte schließlich die Zwillinge Romulus und Remus zur Welt. Die wurden sofort auf dem Tiber ausgesetzt, trieben aber gleich wieder ans Ufer und wurden von einer Wölfin großgezogen.

– Na, nicht ganz.

– Naja, irgendwann fand sie dieser Faustulus und nahm sie als seine Kinder auf. Er zog sie dann auch groß. Sie scharten eine Menge Hirten um sich und gründeten dann im Jahre 753 v.Chr. Rom.

– Einfach so? Was passierte denn mit Numitor und Amulius?

– Keine Ahnung.

– Weiß es denn von Ihnen jemand?

Eine betretene Stille herrschte. Ester, Marcus und Michael hatten ihre Gläser geschnappt und sie an den Mund geführt. Dort schienen sie nun innerhalb weniger Sekunden festgewachsen zu sein. Josua war wohl mehr von der vollbusigen rassigen italienischen Kellnerin fasziniert, mit der er schon seit geraumer Zeit krampfhaft versuchte, in Augenkontakt zu treten. Die einzigen, von denen man annehmen konnte, daß sie ernsthaft versuchten nachzudenken, waren Alexandra und Lenny, wobei der ruhige Schwarzhaarige natürlich fortwährend den Eindruck vermittelte, als würde er überlegen. Alexandra war es denn auch, die, nachdem sie ihre Gedanken geordnet hatte, die Stimme erhob.

– Remus traf doch einmal mit Gefolgsleuten des Numitor zusammen und geriet dabei in Streit mit ihnen. Er wurde gefangengenommen und dem Numitor vorgeführt. Dabei erkannte dieser seinen Enkel, und gleichzeitig erfuhr Romulus durch Faustulus von ihrer Rettung in ihrer Kindheit. Gemeinsam entfernten die Zwillinge den Amulius vom Thron und setzten Numitor als rechtmäßigen Herrscher darauf. Danach gründeten sie ihre eigene Stadt Rom.

– Sehr schön, Frau Perthes. Aber auch Sie, Herr Kaninck, haben uns eine schöne Geschichte geliefert. Damit Sie ein bißchen entlastet werden, kann ja mal ein anderer die Geschichte zu Ende erzählen. Damit meine ich den Tod des Romulus. Also, wer fühlt sich ebenso firm in der frühen römischen Mythik wie Herr Kaninck?

Simon schaute in die Runde, doch nur Alexandra erwiderte seinen Blick. Einige ewig währende Sekunden blieb er an ihren blauen leuchtenden Augen hängen und nickte ihr dann zu.

– Zunächst wurde erst einmal Remus von seinem Bruder getötet.

– Weshalb und wie?

– Das wollte ich gerade sagen. Also, beide konnten sich nicht einigen, wer den Königsthron der neuen Stadt inne haben sollte und entschlossen sich letztlich dazu, ein Vogelzeichen entscheiden zu lassen. Doch auch das trug nicht zum erwünschten Ergebnis bei, denn Remus sah zwar als erster sechs Geier auf dem Aventin, Romulus aber kurz darauf zwölf auf dem Palatin. Während der Streit also in die nächste Runde ging, errichtete Romulus schon mal eine Stadtmauer, über die, als sie noch extrem niedrig war, Remus zum Spott sprang und sich darüber belustigte, wie solch ein Mäuerchen gefährliche Feinde abhalten solle. Darüber geriet Romulus nun in Zorn und erschlug darauf seinen Bruder. Ohne weitere Störung konnte die Errichtung der Stadt nun voranschreiten, und am 21. April – noch heute Nationalfeiertag in Italien als „natale di Roma” – war offizieller Gründungstag.

– Wie wird dieser Tag noch genannt?

– Ähm – Fest der Parilia, oder?

– Ja, genau. Oder Palilia. Was hat es mit diesem Namen auf sich?

– Das weiß ich jetzt nicht.

Lenny schaute um sich und erfreute danach besonders Alex mit seiner wohlklingenden samtigen Stimme.

– Pales ist die Göttin der Weiden und der Hirten. Am 21. April war, wie schon gesagt, ihr Tag, der seit Romulus Parilia hieß. Man nimmt an, daß es von „parere” abgeleitet ist, was soviel heißt wie „erscheinen” oder „sich zeigen”. Einen eigenen Festtag hat sie aber auch noch und zwar den 7. Juli. Im übrigen zählt man Pales zu den Penaten, und man ist sich nicht ganz sicher, ob sie weiblichen oder männlichen Geschlechts ist.

– Danke, Herr Bogner. Frau Perthes, wollen Sie fortsetzen?

– Gern. Also, um nun auch ein bißchen Bevölkerung in seine Stadt zu locken, eröffnete Romulus ein Asyl, das viele zweifelhafte Freie und Sklaven in Anspruch nahmen. Nur die Frauen fehlten noch, aber die brauchte man nun mal, um einer Stadt Nachwuchs zu schenken. Wegen der zwielichtigen Einwohner wollte jedoch niemand etwas mit ihnen zu tun haben, so daß Romulus zu einer List greifen mußte. Er veranstaltete ein Fest für Neptun und lud die gesamte Nachbarschaft ein. Es kamen auch alle, denn wer läßt sich ein kostenloses Essen mit Zerstreuung schon entgehen? Während der Spiele gab Romulus dann ein verabredetes Zeichen, auf das die jungen Mädchen geraubt wurden. Ihre Eltern und Verwandten flüchteten, rüsteten sich jedoch kurz darauf zum Kampf. Irgendwie lief das ganze aber relativ ungeordnet ab, sie griffen also in kleinen Grüppchen an, so daß Romulus mit seinen Leuten sie leicht überwinden konnte.

– Mit welchem Ritual verbindet sich denn der erste Kampf und damit Sieg der Römer gegen die Caenienser?

– Mmh, vielleicht mit den Triumphen?

– Ja genau, aber etwas besonderes hatte dieser erste Triumph der römischen Geschichte noch an sich.

– Da muß ich dann leider passen.

– Hat jemand eine Idee?

An diesem Punkt waren die Studenten erst mal mit ihrem Latein am Ende, wobei bisher freilich nur Martin, Alex und Lenny aktiv diskutiert hatten. Ester machte den Eindruck, als wäre dieses Gespräch für sie nur eine einzige Plage und Zeitverschwendung. Gelangweilt zupfte sie an ihrem durchsichtigen Hauch von einem Kleid herum und fädelte umständlich eine Locke hinter ihr Ohr, an dem dadurch ein rot glänzender Stein zum Vorschein kam. Micha schaute etwas verkrampft, denn römische Mythologie war nicht unbedingt seine Stärke, und er wollte doch unbedingt mit Wissen glänzen. Allerdings hatte er sich nur auf Sizilien vorbereitet – wie hätte er auch ahnen können, daß noch andere Fakten gefragt waren!? Josua hatte wohl mittlerweile einen Teilerfolg bei seiner schönen Kellnerin errungen und entschuldigte sich, indem er vorgab, mal kurz zur Toilette zu müssen. Und Marcus war ja ohnehin eher von der schüchternen Fraktion. Er nahm sich immer vor, etwas zu sagen und ärgerte sich nachher schwarz, weil er es wieder nicht geschafft hatte, über seinen Schatten zu springen.

– Na gut, da helfe ich mal. Romulus höchstpersönlich erschlug den König Acro der Caenienser und nahm ihm die Rüstung ab. Während der gesamten Zeit der römischen Republik trat dieser Fall nur weitere zwei Mal ein. Die erbeuteten Waffen legte Romulus nun im neuen Heiligtum des Juppiter Feretrius auf dem Capitol als „spolia opima” nieder. Mit den Antemnaten und den Crustuminern wurde man ebenso schnell fertig, nur die Sabiner machten größere Schwierigkeiten. Inwiefern?

– Die wurden von Tarpeia in die Stadt gelassen und besetzten das Capitol.

– Ganz genau, Herr Kaninck. Und was passierte mit Tarpeia?

– Sie wollte doch für ihre Hilfsbereitschaft das haben, was die Sabiner an ihren linken Armen trugen und spekulierte dabei auf die goldenen Armreifen. Bekommen hat sie aber die Schilde, die die Sabiner auf sie warfen und sie damit töteten – eine gerechte Strafe für eine Verräterin.

– Sehr richtig, Frau Perthes. Zwischen Capitol und Palatin fand dann der Entscheidungskampf statt, und die Sabiner waren zunächst erfolgreicher. Aber genau zum richtigen Zeitpunkt fiel es dann Romulus ein, dem Juppiter Stator einen Tempel zu geloben, und so hielt er seine Männer auf, die sich schon auf der Flucht befanden. Das Blatt schien sich zu wenden, doch was passierte dann?

– Die Sabinerinnen erzwangen eine Versöhnung zwischen beiden Parteien, denn sie konnten weder eine Niederlage ihrer Ehemänner noch ihrer Väter tolerieren. Dadurch kam es schließlich zur Vermischung beider Völker und außerdem zum ersten Doppelkönigtum des Romulus und des Titus Tatius, dem König der Sabiner. Deshalb wurden die Römer außerdem Quiriten genannt, nach der sabinischen Stadt Cures.

– Ja. Erzählen Sie uns doch den Rest auch gleich noch, Herr Bogner.

– Mit dem Doppelkönigstum war es kurze Zeit später auch wieder vorbei, denn Titus wurde erschlagen, weil er in einer Sache nicht hart genug durchgegriffen hatte. In seinen letzten Jahren legte Romulus dann eine äußerst selbstherrliche Regierungspraxis an den Tag, und es geschah an den Nonen des Quintilis, also an einem 7. Juli, daß Romulus auf dem Marsfeld in einem plötzlich aufkommenden Unwetter spurlos verschwand, als er gerade dabei war, das versammelte Heer zu mustern. Ein gewisser Iulius Proculus meldete in der am darauffolgenden Tag stattfindenden Volksversammlung, daß ihm der vergöttlichte Romulus erschienen wäre.

– Sehr gut. Ich bin beeindruckt von Ihrem stabilen Wissen. Sprechen wir mal noch ein paar Dinge aus der Sage an und prüfen sie oberflächig auf ihre Historizität, bevor wir weiterfahren. Was ist zum Beispiel mit der Wölfin? Kann man sowas ernst nehmen, was meinen Sie?

– Na, wenn es nur ein paar Tage waren, die sie die Zwillinge gesäugt hat, kann es doch sein. – Marcus war froh, überhaupt einmal etwas gesagt zu haben, doch im Nachhinein hätte er es liebend gern rückgängig gemacht.

– Außerdem sind Wölfe ja Rudeltiere, und falls die Gute gerade ihre Jungen verloren gehabt hätte, wäre sie vielleicht froh gewesen, einen Ersatz gefunden zu haben. – schloß sich Josua trotzdem an. Er war gerade von der „Toilette” zurückgekommen und sprach offensichtlich aus Erfahrung, denn auf seiner rechten Wange prangte ein roter Abdruck in Handform und Alex konnte sich einen Schmunzler nicht verkneifen, als sie seiner gewahr wurde.

– Naja, das sind ja alles hübsche Spekulationen, aber Sie müssen sich einfach klar machen, daß derartige Geschichten erzählt werden, um die wahren Begebenheiten verschleiert, also verdeckt weiterzugeben. Das lateinische Wort lupa für Wölfin bezeichnet auch eine „Prostituierte“, so daß die Ziehmutter Acca Larentia, also die Frau von Faustulus, zu einem etwas zwielichtigen Ruf gelangte. Das selbe kann man im übrigen auch von Rea Silvia sagen, denn daß sie wirklich von Mars schwanger geworden sein soll, glaubte sogar im Altertum eigentlich so gut wie keiner. Aber noch ein letzter Punkt: An wen erinnert uns denn das Ende des Romulus?

– An Caesar.

– Und auch an seinen Erben Octavian. Richtig, Frau Perthes. Und in welcher Hinsicht?

– Na, Caesar trat ja in seinen letzten Amtsjahren auch sehr selbstherrlich auf und wurde dann von verschwörerischen Senatoren an den Iden des März in einer Versammlung erdolcht. Nach seinem Tod wurde dann eine Woche lang ein Komet über Rom gesichtet, wie Sueton berichtet. Naja, und Octavian erhielt ja später den Ehrentitel Augustus, und ausgerechnet ein Romulus Augustulus ging im Jahre 476 als letzter Kaiser Westroms in Rente. Also hatte sich damit, frei nach Karl Marx, die Geschichte als Farce wiederholt.

– Das war doch ein nettes Schlußwort. Ich danke Ihnen zunächst einmal und schlage aber doch vor, daß wir jetzt fahren, sonst schaffen wir es nicht mehr bis Neapel bevor es dunkel wird.

Alexandra war zufrieden. Besser hätte so ein erstes fachliches Gespräch gar nicht verlaufen können. Und wenn sie nicht völlig falsch lag, hatte Leonhard sogar einmal an eine ihrer Bemerkungen direkt angeknüpft. Das erste Steinchen war also gerollt, jetzt kam es nur noch darauf an, den Hügel in einer gewissen Schräglage zu halten.

* * * *

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