Guttbye und Plagiator

Lassen wir doch Herrn zu Guttenberg zunächst selbst zu Wort kommen, nämlich in seiner offiziellen Rücktrittserklärung, immerhin hat es der Egomane irgendwo verdient als solcher behandelt zu werden (ich habe es aufgegeben zu zählen, wie oft Herr zu Guttenberg in seiner Erklärung ICH sagt).

Gestern lese ich noch im neu erschienenen SPIEGEL die Titelstory zu dem ganz besonderen Medienverhältnis von Herrn zu Guttenberg zur BILD, daß es im Grunde die BILD war, die Guttenberg trotz übermächtigem medialem Gegenwind im politischen Fahrwasser gehalten hat. Und vergessen wir nicht den naiven Herrn Kerner, den Guttenberg nicht allzu ungern mit nach Afghanistan geschleppt hat, um sich dort prima inszenieren zu können. Jetzt allerdings sei die böse Presse daran schuld, daß er zurücktreten im Grunde gezwungen gewesen sei. Er könne es nicht mehr verantworten, daß auf den Schultern der Soldaten eine Hetzschlacht über ihn selbst ausgefochten werde. Seine Familie fühle sich unwohl und so ganz allgemein sei er mit seinen Kräften am Ende. Kleinlaut gibt er zwar zu, daß er an dieser medialen Hetze nicht ganz unschuldig sei, denn immerhin hat er es zuvor ja auch ganz gut verstanden, sie geschickt für sich zu nutzen. Allerdings war es wohl weniger die Presse, die ihn letztlich zu Fall gebracht hat, sondern die massive Kritik an Guttenbergs Umgang mit den Plagiatsvorwürfen vonseiten Universitätsangehörigen, Doktoranden, Studenten etc., zuvorderst via eines offenen Briefes, der mittlerweile 51.500 Unterzeichner hat (Stand: 01. März 2011, 00:49). Zuletzt wurde Kritik nicht nur aus der politischen Opposition laut, sondern auch aus den eigenen Reihen, was den Ex-Doktor und nun auch Ex-Verteidigungsminister letztlich zum Rücktritt bewogen haben mag.

Doch hören wir in seiner Erklärung auch nur ein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung in Richtung der Universitäten und der vielen tausend Doktoranden, die er zuvor durch lapidare Aussagen mit Füßen getreten hat? Natürlich nicht, denn Guttenberg ist sich offenbar noch immer keiner Schuld bewußt. Er ist zurückgetreten, weil er den medialen und öffentlichen Druck nicht mehr aushält, weil er mit seiner Kraft am Ende sei, doch nicht, weil er einsieht, daß seine Glaubwürdigkeit gelitten hat und er wegen eines Plagiats auf universitärer Ebene auch auf der politischen Bühne verspielt hat. Diesen Zusammenhang will oder kann Herr zu Guttenberg offenbar nicht sehen, sondern spricht in seiner Erklärung im Gegenteil im Konjunktiv, wenn er diese Vorwürfe als Argumente einer Elite verstanden wissen will, die er durchaus wahrgenommen habe, jedoch für falsch und nichtig halte. So jedenfalls ist mein Eindruck, wenn ich mir seine Rede anhöre. Für den durchschnittlichen BILD-Leser, der noch nie eine Universität auch nur aus nächster Nähe gesehen hat, mag das alles ebenso falsch und nichtig sein, doch sind wir jetzt schon soweit, daß wir uns an den Niederungen der Gesellschaft orientieren (womit ich ausschließlich die BILD meine und nicht die Menschen, die sie lesen)?

Herr zu Guttenberg hat bei “seiner” Dissertation massiv abgeschrieben, ohne seine Quellen kenntlich zu machen. Im großen Ganzen ist “seine” Arbeit eine Zusammenfügung von nicht kenntlich gemachten, geringfügig veränderten Zitaten, wofür er möglicherweise  auch noch regierungsinterne Dienste in Anspruch genommen hat. Zusammengefaßt ist “seine” Dissertation also ein Plagiat, wofür Herrn zu Guttenberg bereits sein unrechtmäßig zugesprochener Doktortitel wieder aberkannt wurde. Als das alles neu herauskam, sprach Herr zu Guttenberg davon, daß er ein paar Fehler gemacht habe, und wenn ein paar Fußnoten fehlen würden, könne er die doch gerne nachreichen. Mit weniger Respekt kann man im Grunde kaum über den universitären Betrieb sprechen. Und nicht nur das: Auch die Glaubwürdigkeit leidet, wenn ein Politiker bei einer Doktorarbeit betrügt und sich später darüber beinahe lustig macht. Bleibt zu hoffen, daß wir Guttenberg in der Politik nicht allzu schnell wiedersehen, “allein mir fehlt der Glaube” (Goethe, Faust I, Vers 765).

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Der Plagiator (also von und zu Guttenberg)

Pla|gi|ar <lat.> der; -s, -e u. Pla|gi|a|ri|us der; -, … rii: (veraltet) Plagiator. Pla|gi|at <lat.-fr.> das; -[e]s, -e: a) unrechtmäßige Aneignung von Gedanken, Ideen o. Ä. eines anderen auf künstlerischem od. wissenschaftlichem Gebiet u. ihre Veröffentlichung; Diebstahl geistigen Eigentums; b) durch unrechtmäßiges Nachahmen entstandenes künstlerisches od. wissenschaftliches Werk. Pla|gia|tor <nlat.> der; -s, …oren: jmd., der ein Plagiat begeht. pla|gi|a|to|risch: in der Weise eines Plagiators[1]

Wenn jemand mit vorgehaltener Waffe in ein Geschäft stürmt und dort auf diese Art die Tageseinnahmen erbeutet, dann nennt man das Diebstahl (vielleicht auch noch Nötigung, aber darum geht es hier nicht). Der Dieb hat sich etwas habhaft gemacht, das ihm nicht gehört und wofür er nichts Adäquates zurückgelassen hat. So etwas wird in der Gesellschaft nicht gerne gesehen und entsprechend von alters her bestraft und das nicht zu knapp.

Anders sieht das jedoch offenbar bei geistigem Diebstahl aus, i.e. dem Plagiat. Hierzu benötigt man keine vorgehaltene Waffe, denn das Opfer weiß oftmals gar nichts von dem Diebstahl und muß entsprechend auch nicht bedroht werden, um sein Eigentum herauszugeben. Damit geht einher, daß Plagiate in unserer Gesellschaft häufig gar nicht als Straftatbestand angesehen werden, mehr noch: Sie werden landläufig sogar akzeptiert und warum? Weil das Verfassen von Texten nicht als Arbeit angesehen wird. Für den Schichtarbeiter im Stahlwerk, den Automechaniker oder den Forstwirt ist Arbeit etwas, was wehtut, was seinen Rücken krumm macht, seine Sehkraft mindert und Schwielen an den Händen verursacht; für ihn ist es keine Arbeit, Bücher und Zeitschriftenartikel zu lesen, sich Gedanken zu machen und dieses Wissen in einen eigenständigen Text zu verwandeln.

Plagiate oder besser gesagt die Idee davon, daß es falsch sein könnte, fremdes Gedankengut ohne Angabe der Quelle einfach abzuschreiben, gibt es nicht so lange es den Straftatbestand des Diebstahls gibt. Als es noch kein leicht herzustellendes Papier gab, als man nur umständlich herzustellendes Papyrus oder unwahrscheinlich teures Pergament zur Verfügung hatte, seine Gedanken dauerhaft zu machen, waren Beschreibstoffe nicht nur Mangelware, sondern auch weniger und kürzer haltbar. Bis zur Erfindung des modernen Buchdrucks durch Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert war die Reproduktion wichtiger oder nützlicher Lektüre aufwendig, teuer und langwierig. Antike Schriften, die verbreitet oder einfach erneuert werden sollten, wurden in Klöstern abgeschrieben, neue Autoren schrieben teilweise alte Autoren seitenweise ab, ohne jedoch die Quelle zu nennen, was damals nicht strafbar war, weil ohnehin nur eine kleine Elite überhaupt Zeit und Mittel besaß, um sich dem Schreiben zu widmen und es zum guten Ton gehörte, ältere Werke zu würdigen und auf sie zurückzugreifen.

Früher war die wissenschaftliche Beschäftigung ein Hobby von Leuten, die genug Geld hatten, um nicht arbeiten zu müssen (also in Fabriken, auf Feldern oder gar in Bergwerken). Heute – wo viele schweißtreibende Handgriffe mehr und mehr der Technik überlassen werden können – kann und muß man auch mit geistiger Arbeit Geld verdienen. Aus dem ganzen Wust an täglich produzierter Literatur oder sonstigen geistigen Ergüssen das interessante herauszufiltern, aus alten und neuen Texten eigene Ideen niederzuschreiben, um Denkanstöße für eine bessere Zukunft anzuregen, ist die Leistung derer, die mehr mit dem Kopf arbeiten als mit den Händen (wobei die Hände selbstverständlich auch benutzt werden, um all die Texte in die Tastatur zu hacken – das aber nur nebenbei). Wer diese Arbeit nicht anerkennt und sie mit Füßen tritt, indem er per Copy & Paste ganze Textpassagen aus dem Internet oder auch Büchern und Artikeln übernimmt und sie in die eigene Arbeit einfügt ohne Angabe von Quellen, sie damit also als eigenes Werk ausgibt, wird nicht von ungefähr mit hohen Geldstrafen belegt.

Auch Plagiate sind Diebstahl, das muß endlich in die Köpfe aller Menschen, denn auch die Beschäftigung mit Texten ist Arbeit. Wie oft habe ich schon verständnislose Studenten vor mir sitzen sehen, die mich mit offenem Mund angeschaut haben und einfach nicht verstehen wollten, weshalb sie ihre Zitatsammlung, die sie oft als Seminararbeit bezeichneten, auch belegen müssen. Das dient nicht nur dazu, daß ich all das auch nachprüfen kann und werde, wenn mir danach ist, sondern vor allem dem Respekt des Urhebers gegenüber. Nicht umsonst gibt es Einrichtungen wie das Urheberrecht und Copyright, welche geistiges Eigentum schützen sollen.

Nun ist das mit Büchern und Aufsätzen leichter zu handhaben als mit Texten aus dem Internet, aus dem man mit schon erwähntem Copy & Paste von einer Sekunde auf die andere Texte von einer Stelle zur anderen transferieren kann. Allerdings kann man es auch besser nachprüfen, ob etwas abgeschrieben wurde, wenn jemand so dumm war, Ideen einfach aus dem Internet zu klauen – wie eben jetzt im Falle des deutschen Außenministers (noch?)Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg, in dessen Dissertation wohl Teile von der Internetseite der FAZ und anderen Quellen einfach ohne Angabe ihres Ursprungs eingefügt wurden. Darauf angesprochen soll er geantwortet haben, daß er die Fußnoten doch nachreichen könne. Dreister geht es wohl kaum! Sein alter Namensvetter Johannes Gutenberg würde sich wohl im Grabe umdrehen, weil es das sicher nicht war, was er im Sinn hatte, als er den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, doch ein gutes hat die Sache für mich: Ich habe ein prima schlechtes Beispiel für meine Studenten, denn ich kann ihnen nun nicht nur anhand von Herrn Guttenberg klarmachen, was passiert, wenn sie fremdes geistiges Eigentum einfach unzitiert in ihre Arbeiten einfügen, nein, ich kann ihnen auch damit drohen, daß bei mir damit garantiert niemand durchkommt, denn ich habe nicht nur ein Programm, das Plagiate im Internet erkennt, sondern ich selbst nenne ein Auge mein eigen, das ein untrügliches Gespür für Plagiate hat.

Seid also gewarnt, Studenten, und glaubt nicht Volker Rieble, seines Zeichens Jurist an der Uni München, der heute in einem Interview im Deutschlandradio meinte, daß Plagiate an der Universität in der Regel nicht verfolgt oder untersucht würden. Wenn das auch die Regel sein sollte, dann bin ich die Ausnahme von dieser Regel, denn ich scheue keine Konfrontation, im Gegenteil: Ich bin eher stolz darauf, Studenten zu erwischen, die dachten, schlauer zu sein als ich.


[1] (Werner Scholze-Stubenrecht u.a. [Hgg.]), Der Brockhaus. Ergänzungsband: Fremdwörter, Leipzig / Mannheim 2001, 433.

Zitat: William Arthur Ward

by William Arthur WardDurch Zufall entdeckte ich heute dieses Zitat / diese Anweisung / diesen Ratschlag und fand, daß es eine recht gute Erinnerung dafür ist, was Unterricht wirklich ausmachen, welche Ziele man sich setzen sollte, wenn man versucht, anderen Menschen Wissen zu vermitteln. Ich z.B. versuche mein althistorisches Seminarthema mit heutigen gesellschaftlichen Zuständen bzw. Gegebenheiten zu verbinden, so daß Ursprünge klarwerden und auch die Tatsache, daß es viele heutige Rituale oder Gepflogenheiten bereits vor 2.000 Jahren gab und es damit wichtig ist, Traditionen zu kennen und sie bewußt zu leben und zu erleben.

Informationen zum Urheber des Zitats, William Arthur Ward, können hier gefunden werden.