„Die Armenier waren gut bewaffnet und organisiert gewesen, aber ihre Führer hatten sie im Stich gelassen. Sie waren einzeln entwaffnet und aufgerieben worden; die Männer hatte man hingerichtet, die Frauen und Kinder mitten im Winter nackt und hungrig in die Wüste hinausgetrieben, jedem Vorüberkommenden zur Beute, bis der Tod sie erlöste. Die Jungtürken hatten die Armenier vernichtet, nicht weil sie Christen, sondern weil sie Armenier waren.“[1]

Diese Zeilen entstammen den Erinnerungen von Thomas Edward Lawrence, der an einem anderen Schauplatz des Ersten Weltkrieges tätig war und doch so nahe des Geschehens, daß er zumindest emotional gleichermaßen involviert sein mußte, handelte es sich bei den arabischen Volksstämmen, die Hauptgegenstand des zitierten Werkes sind, doch um ebenso vom Osmanischen Reich okkupierte Ethnien, die nun den Aufstand gegen die Türken wagten.

Der große Nachteil der Armenier in ihrer lange währenden Geschichte war stets, daß sie umzingelt waren von mächtigen Reichen. Sie waren nie eine eigenständige Macht, sondern immer nur Spielball zwischen ihren übermächtigen Nachbarn. Grund dafür war nicht ein hohes Aufkommen von Bodenschätzen, findet man doch auf armenischem Territorium lediglich Kupfer, Zink und Molybdän.[2] Es war mehr die strategische Lage zwischen Römischem und Sāsānidischem Reich in der Antike, zwischen Osmanischem und Russischem in der Moderne. Die gesamte Kaukasusregion war stets Streitpunkt, Spielball und Kriegsgrund für die angrenzenden, übermächtigen Imperien gewesen, und Armenier, Kurden, Aserbaidschaner, Tschetschenen und Tscherkessen hatten nie eine Chance gehabt, sich entscheidend gegen sie durchzusetzen oder auch nur für ein paar Jahre Ruhe zu haben. Entsprechend traumatisiert mutet der Text der armenischen Nationalhymne an, wo es in der ersten Strophe heißt:

„Unser Vaterland, beraubt, schikaniert, unterdrückt von skrupellosen Feinden, ruft jetzt seine treuen Söhne, um den rächenden Schlag auszuführen.“[3]

Der Genozid an den Armeniern, der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts, begann noch unter Sultan Abdul Hamid II. (1876-1909) und endete mit der Ermordung und Vertreibung von circa 1,5 Millionen Armeniern aus Ostanatolien zwischen 1915 und 1917 durch die Jungtürken. Obwohl er unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg von Mustafa Kemal, dem späteren Atatürk, und anderen Mächtigen des neuen türkischen Nationalstaates als Schandtat verurteilt wurde, ist er wenig später nicht als Völkermord anerkannt worden. Im Gegenteil: Bis heute weigert sich die türkische Regierung, ihr Vorgehen gegen die Armenier im Ersten Weltkrieg als unrecht zu empfinden. Statt dessen versucht sie, den Armeniern bzw. den besonderen Umständen des Krieges die Schuld zuzuschieben. Jeder Versuch einer auswärtigen Regierung, die Verbrechen am armenischen Volk als „Völkermord“ zu deklarieren oder auch nur ins historische Gedächtnis zu rufen, wird mit einem Aufschrei der Empörung beantwortet.

Um dieses Verhalten zu erklären, wird zunächst nüchtern über das zu sprechen sein, was vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg in Ostanatolien geschehen ist. In der Folge wird die besondere Rolle Deutschlands dabei beschrieben, und ein dritter Punkt befaßt sich schließlich mit dem Umgang der Verbrechen an den Armeniern bis heute.

Das Kernproblem, der Hauptgegenstand rund um den armenischen Genozid läßt sich – ganz nüchtern betrachtet – folgendermaßen zusammenfassen: Am 25.Februar des Jahres 1915 hatte der türkische Kriegsminister Enver Pascha alle armenischen Soldaten entwaffnen und zur Zwangsarbeit verpflichten lassen. Ende März wurden die ersten Armenier aus dem Gebirgsort Zeytun nach Süden in Richtung Aleppo und Syrische Wüste deportiert. Lokale armenische Führer und Tausende Dorfbewohner in der Umgebung wurden auf Veranlassung des Gouverneurs von Van und Schwagers des Kriegsministers, Dschevdet Pascha, ermordet. Ab 20. April versuchten sich die Armenier im Van-Viertel verzweifelt zur Wehr zu setzen. Vier Tage später, am 24. April – der heutige armenische Trauertag – nutzte die jungtürkische Regierung den provozierten Aufstand, um 235 Repräsentanten der armenischen Elite in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, zu verhaften, zu deportieren und später umzubringen. Die übrigen Frauen, Kinder und Alten trieb man von Mai an nach Osten und Süden, die meisten von ihnen zu Fuß. Wer unterwegs nicht ausgeraubt, vergewaltigt oder ermordet wurde, kam zunächst in die Sammellager in Aleppo und Umgebung, um von dort aus weiter in Richtung Syrische Wüste und irakische Provinzen zu ziehen.

Die offizielle türkische Terminologie für dieses Vorgehen gegen die Armenier war und ist „Verschickung“ oder „Umsiedlung“, eventuell noch „Deportation“. Die vielen Toten, die man auch von türkischer Seite nicht leugnet, werden entweder dem Umstand, daß Krieg herrschte, zugeschoben oder – in schärferer Akzentuierung – der Unterdrückung eines flächendeckenden armenischen Aufstandes gegen das Osmanische Reich zu Gunsten Rußlands. Tatsächlich unterstützte eine armenische Minderheit die russische Seite in der Hoffnung auf Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, und als die türkische Offensive gegen Rußland im Januar 1915 scheiterte, machten die Türken hauptsächlich die Armenier dafür verantwortlich. Etwa zu diesem Zeitpunkt mag es erste Pläne gegeben haben, die armenische Frage endgültig zu beenden, wozu der Erste Weltkrieg als eine Art Schutzschirm diente.

Doch die armenisch-türkischen Spannungen liegen viel weiter zurück. Seit in Armenien von Tiridates III. im Jahre 301 n.Chr. das Christentum zur Staatsreligion erklärt worden ist, wurden die Kriege um den stets kleinen, vielfach geteilten Landstrich zwischen Mittel-, Schwarzem und Kaspischem Meer immer häufiger auch im Namen der Religion geführt. Meist spielte Armenien selbst bei den Kämpfen keine Rolle, waren es die Großreiche, die sich um das Land stritten und es unter sich aufteilten oder Könige einsetzten, die sich der Oberhoheit Roms, Byzanz oder Persien unterwarfen. Um so mehr blieben bis heute die wenigen Siege im armenischen kulturellen Gedächtnis haften wie der in der berühmten Schlacht von Avarair im Jahre 451 gegen die persischen Sāsāniden, der auch im Film angesprochen wird.

In Ermangelung erinnerungswürdiger historischer Ereignisse hält man entsprechend um so eiserner an der Heiligkeit des Berges Ararat fest, der sich heutzutage nicht einmal mehr auf armenischem Territorium befindet, in den Köpfen aller Armenier jedoch der Mittelpunkt ihres Lebens ist. Schon in nichtchristlicher Zeit war der 5.156 Meter hohe Berg für die Menschen in seiner Umgebung von mythischer und mystischer Natur. Armenische Historiker und der Volksglaube berichten von vorchristlichen Gottheiten, Drachen und Geistern, die in Höhlen hausten und Schätze bewachten. Zum christlichen Symbol wurde der Berg durch den Bericht von Noahs Strandung mit seiner Arche am Ararat in der Genesis, dem ersten Buch des Alten Testaments. Allerdings ist der ursprüngliche hebräische Name Urartu, und da das Hebräische eine Konsonantenschrift ist, wurde aus den drei Konsonanten RRT sowohl in der deutschen als auch in der armenischen Übersetzung Ararat, da in derartigen Bearbeitungen bei Eigennamen üblicherweise der Vokal A eingesetzt wird. An anderen Stellen der Bibel ist das, was als Ararat oder Urartu bezeichnet wird, zudem eher eine Landschaft, ein Königreich oder ein ganzes Volk. Und so begreifen die Armenier den Berg als Sinnbild ihres Volkes, der mit ihnen verbunden ist, egal ob sie ihn von dort wo sie leben sehen oder nicht.

Gerade Armenien war und ist angewiesen auf ein derartiges Symbol, denn der Sieg von 451 gegen die Sāsāniden war nur ein Strohfeuer der Geschichte. Ab Mitte des 7. Jahrhunderts eroberten die Muslime Armenien, plünderten, brandschatzten und zerstörten das ohnehin schon zersplitterte Land. Im 9. Jahrhundert brach mit Aschot Bagratuni, der von Byzanz als neuer Herrscher über Ostarmenien eingesetzt worden war, eine Art Blütezeit an. Das Geschlecht der Bagratiden führte das Königreich mit der Hauptstadt Ani zu einer regelrechten Blüte. Bis zum 10. Jahrhundert wurden verschiedene Kleinkönigreiche wie Vaspurakan, Sjunikh oder Taron gegründet. Doch nur wenige Jahrzehnte später überzogen die Seldschuken das Land mit Plünderung und Zerstörung. Ani wurde vernichtet, die Armenier aus ihren Städten vertrieben. Die Geburtsstunde der armenischen Diaspora war gekommen. Das Zentrum der armenischen Welt wurde bald das Fürstentum Kilikien, das an der nordöstlichen Mittelmeerküste um die heutige türkische Stadt Adana gegründet wurde. Hier blühte die armenische Kultur, vor allem die Buchmalerei, während der Osten unter den Mongolen zu leiden hatte. Doch im Jahre 1375 war auch die Ära Kilikiens abrupt zu Ende, als die Mamluken das Land eroberten.

Später, mit der Begründung des Patriarchats in Konstantinopel im Jahre 1461 wurde der Westen Armeniens bald von den Osmanen besetzt. Anfang des 16. Jahrhunderts war das armenische Territorium erneut Schauplatz eines Machtkampfes der benachbarten Großreiche, bei dem das Persische dem Osmanischen unterlegen war und infolge dessen Armenien geteilt wurde. Unter dem damaligen Schah Abbas I. fanden im neuen Persisch-Armenien die ersten großangelegten Deportationen der ansässigen Bevölkerung statt, viele Armenier wurden getötet. Weitere Kämpfe um das armenische Gebiet führten dazu, daß im Vertrag von Diyarbakir 1639 die Teilung nochmals bestätigt wurde. Während die Osmanen nun also über die westlichen armenischen Siedlungsgebiete, also Kilikien, Syrien und Ostanatolien, herrschten, kämpfte der Osten weiter gegen die Perser. Es gab immer wieder Aufstände, die schließlich in denen unter David Bek in Karabach und Sjunikh in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gipfelten.

Mit der Eroberung Armeniens durch die Georgier in der Mitte des 18. Jahrhunderts rückte das Land auch immer mehr in den Blickpunkt des zaristischen Rußlands. Dies weckte zunächst Hoffnungen, denn die neue Macht im Norden war schließlich auch christlich geprägt. Doch nachdem Rußland Persisch-Armenien im Oktober 1827 erobert hatte, wurden die Machtinteressen lediglich geographisch verlagert. Nach der Festsetzung der Grenze zwischen Rußland und Persien fanden die Kämpfe auf armenischem Boden nun zwischen Russen und Osmanen statt. Eine erneute Teilung des Landes wurde im Berliner Vertrag von 1878 unter europäischem Wohlwollen offiziell besiegelt. Zu dieser Zeit gab es bereits erste Berichte von zahlreichen Massenverhaftungen, Hinrichtungen und Pogromen an den Armeniern im Osmanischen Reich. 300.000 Menschen sollen getötet, 100.000 nach Osten gewandert sein.[4]

Die Ursachen liegen vor allem darin begründet, daß unter den Völkern und Ethnien im Osmanischen Reich ihr Nationalbewußtsein beständig wuchs. Revolutionäre armenische Parteien entstanden, die ein unabhängiges Armenien propagierten, vor allem die 1887 gegründete Huntschak-Partei und die 1890 gegründete Daschnak-Partei. Rußland unterstützte diese Tendenzen und suchte die Armenier zur weiteren Destabilisierung des Osmanischen Reiches, das sich merklich im Niedergang befand, einzusetzen. Zwischen 1890 und 1897 organisierte besonders die radikale Huntschak-Partei Terroranschläge gegen osmanische Beamte, Erhebungen, Revolten und Proteste, hauptsächlich gegen eine zu hohe Steuerlast und für ein unabhängiges Armenien. Es gab aber auch armenisch-türkische Proteste gegen die Steuerpolitik, die sich in erster Linie an dem Anschlag an Abdul Hamid II. im Juli 1905 manifestierten. Der Sultan blieb damals unverletzt. Drei Jahre später, 1908, jedoch wurde er durch die sogenannten Jungtürken gestürzt, was die Verhältnisse aber keineswegs stabilisierte. Im Jahre 1909 wurden sogar 25.000 Armenier von Aufständischen wegen angeblicher Unterstützung der neuen Regierung ermordet. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges befanden sich Kriegsschiffe zahlreicher europäischer Nationen in unmittelbarer Nähe, die jedoch allesamt nicht eingriffen.

Im Gegensatz zur Huntschak, die am Ende des 19. Jahrhunderts führend und radikal eingestellt war, stand die Daschnak für eine pluralistische, liberale Reform des Osmanischen Reiches, die sich mit dem jungtürkischen Comité Union et Progrès, zu deutsch „Komitee für Einheit und Fortschritt“, verband und noch fast bis zum Sommer 1915 Kontakt hielt und Verhandlungen führte. Bei der späteren Verfälschung der Geschichte ist dies ein nicht unwesentlicher Punkt, denn obwohl die Huntschak zu Beginn des Ersten Weltkrieges so gut wie von der Bildfläche verschwunden waren, wurden deren Methoden einfach der Daschnak angedichtet und den Armeniern somit eine kontinuierliche Konspiration mit den Russen unterstellt. Andererseits appellierten schon seit Ende des Jahres 1912 armenische Führer an die europäische Diplomatie aus Furcht, ihre Gemeinschaft könne von den Osmanen vernichtet werden. Anfang 1914 wurde ein internationaler Reformplan erstellt, der jedoch aufgrund des Ausbruchs des Krieges auf Eis gelegt wurde.

Auch während des Krieges, vor allem nach 1915, wandten sich Bevollmächtigte der armenischen Regierung an auswärtige Länder, auch an Deutschland, mit der Bitte um Unterstützung. Doch Deutschland war mit der Türkei verbündet und verschloß daher die Augen vor den inneren Angelegenheiten im Osmanischen Reich. Im Gegenteil begrüßte man das Vorgehen gegen die Armenier sogar, damit die Türken als stärkerer Bündnispartner den Deutschen zur Seite stünden. So spricht beispielsweise eine Notiz des deutschen Reichskanzlers Bethmann Hollweg vom 17. Dezember 1915 eine deutliche Sprache, in der er verkündet:

„Unser einziges Ziel ist es, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht. Bei länger andauerndem Kriege werden wir die Türken noch sehr brauchen.“[5]

Einige Konsuln vor Ort, etwa der altgediente Konsul in Aleppo, Walter Rößler, oder zivile Personen wie Paul Rohrbach, Martin Rade, Johannes Lepsius und Ernst Lohmann, beschrieben immer wieder das Leid der Armenier und appellierten an den deutschen Kaiser und die Regierung. Doch diese konstatierte lediglich, daß

„unsere freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei (…) durch diese innertürkische Verwaltungsangelegenheit nicht nur nicht gefährdet werden, sondern nicht einmal geprüft werden (dürfen). Deshalb ist es einstweilen Pflicht zu schweigen. Später, wenn direkte Angriffe wegen deutscher Mitschuld erfolgen sollten, muß man vorgeben, daß die Türken schwer von den Armeniern gereizt wurden.“[6]

Daran hat man sich bis vor wenigen Jahren gehalten. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich bis zum Jahre 2005, dem 90. Jahrestag des Genozids, passiv oder gar stillschweigend zu den Vorkommnissen um 1915 geäußert. Primär aus sicherheitspolitischen Gründen war nicht nur Deutschland seit der türkischen NATO-Mitgliedschaft gehalten, sich protürkisch zu verhalten und sich unkritisch oder überhaupt nicht zur türkischen Geschichte zu äußern. Als im Jahre 1986 im WDR erstmals eine Fernsehdokumentation des Journalisten Ralph Giordano über den Armeniermord mit dem Titel „Die armenische Frage existiert nicht mehr“ gezeigt wurde, wurde dieser von deutschtürkischer Seite massiv bedroht und beschimpft. Bis 2005 blieb der Film, dessen Existenz sogar zeitweilig bestritten wurde, unter Verschluß.[7]

Sogar der Mitte der 80er Jahre ausgetragene Historikerstreit bescheinigte der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg die Einzigartigkeit eines Völkermords; Eberhard Jäckel sagte zu den Massakern an den Armeniern, daß sie „nach allem was wir wissen, eher von Morden begleitete Deportationen als geplanter Völkermord gewesen“[8] seien.

Es gab wenige deutsche Stimmen, die sich für eine Ächtung des Genozids an den Armeniern stark machten. Einer der wenigen deutschen Politiker, der sich offiziell den Armeniern annahm, war am 11.Januar 1916 Karl Liebknecht, der im Deutschen Reichstag die Anfrage stellte, die Ereignisse um die geplante Ausrottung der Armenier zu debattieren. Er kam nicht einmal zum Ende seines Antrages, sondern wurde regelrecht niedergebrüllt.[9] Später hat sich lediglich die Literatur zu Wort gemeldet, vor allem mit zwei bemerkenswerten Romanen, „Das Märchen vom letzten Gedanken“ von Edgar Hilsenrath aus dem Jahre 1989 und „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel von 1933. Letzteres Buch ist heute in Armenien Schullesestoff, Straßen und Schulen sind nach Werfel benannt, vor allem weil ihm – sowohl innerhalb als auch außerhalb Armeniens – das gelungen ist, das man von türkischer, aber auch allgemein europäischer Seite so gerne verschwiegen und aus dem kulturellen Gedächtnis Europas gelöscht hätte, nämlich „das unfaßbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreißen“ – so Werfel im Nachwort seines Romans. In diesem stellt er anhand seines Protagonisten Gabriel Bagradian den armenischen Widerstand gegen die Türken am Musa Dagh dar. Die 5.000 auf dem Berg Eingeschlossenen wurden insgesamt 53 Tage lang von den Türken belagert – die 40 Tage bei Werfel sind fiktiv, um eine christliche Nähe implizieren zu können – denn in der sechsten Woche hielten alliierte Kriegsschiffe vom Meer her die Verfolger in Schach und nahmen die tödlich Erschöpften an Bord, um sie nach Ägypten in Sicherheit zu bringen.

Doch von politischer Seite hat es lange gedauert, sich überhaupt mit dem armenischen Genozid zu beschäftigen. Als am 9.Dezember 1948 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords“ beschlossen wurde, hatte man lediglich die Massaker an den Juden im Kopf. Der Völkermord wird darin als

„eine der folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören“ definiert: a) das Töten von Angehörigen einer Gruppe, b) das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe, c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen, d) die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung und e) die gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.“[10]

Bei dem Mord an den Armeniern und der Diskussion, ob er als Völkermord deklariert werden soll oder nicht, stehen die Punkte, was laut Konvention ein Völkermord ist, außer Frage. Allerdings muß auch der Vorsatz nachgewiesen werden, daß die Türken die Armenier ganz oder teilweise vernichten wollten. Und das ist genau der Punkt, den die Türkei bis heute bestreitet. Sie bestreitet nicht die Toten, die sie jedoch mit circa 300.000 deutlich geringer einschätzt als westliche Historiker. Allerdings seien die Deportationen Notmaßnahmen eines Staates gewesen, der um seine Existenz bangen mußte und sich seiner armenischen Untertanen nicht mehr sicher gewesen sei. Die vielen Toten werden von den türkischen Historiographen kurdischen Überfällen, Hunger und Seuchen zugeschrieben. Bürgerkriegsähnliche Zustände hätten geherrscht, bei denen auch 570.000 Türken umgekommen seien. Und noch heute sind Schüler dazu aufgefordert, sich in Aufsatzwettbewerben über die „haltlosen Völkermord-Behauptungen“ der Armenier zu äußern. Das Ziel ist klar: das Fundament, auf dem der neue türkische Nationalstaat errichtet wurde, soll nicht aus einem Völkermord, einem der unmenschlichsten Verbrechen, zu dem Menschen fähig sein können, bestehen. Deshalb weigert man sich vehement, Schriftstücke, die diesbezügliche Anordnungen belegen, zu akzeptieren und reagiert sofort feindselig, sobald eine auswärtige Regierung erneut über die Terminologie der damaligen Ereignisse verhandeln will. Als beispielsweise am 12.Oktober 2006 ein Gesetzesentwurf in Frankreich durchgebracht wurde, der jede Leugnung des Völkermordes an den Armeniern mit einer Gefängnisstrafe bis zu einem Jahr und einer Geldstrafe bis zu 45.000 Euro belegt, zog sich der türkische Botschafter beleidigt aus Paris zurück. In Deutschland wird der Begriff Völkermord für die Massaker an den Armeniern noch immer nicht akzeptiert. Deutsche Historiker haben sich dieses Themas in sehr geringem Umfang angenommen, obwohl die überquellenden Bundesarchive des Auswärtigen Amtes zu diesem Thema geradezu einladen. Es fehlt eine vernünftige Quellenedition, und Forschungsanträge werden unqualifiziert abgelehnt. So trägt bis heute auch die deutsche Passivität dazu bei, daß in den meisten Geschichtsbüchern die türkische Variante der Ereignisse verzeichnet ist. Die Armenier sind entsprechend doppelt traumatisiert: Zum einen müssen sie die Last ihrer Leidensgeschichte tragen, zum anderen auch die Last der Leugnungen.

Zum Schluß sei nochmals konstatiert, daß es auch hier bei diesem Vortrag nicht darum gehen sollte, die heute lebenden Türken in irgendeiner Art zu verunglimpfen. Niemand hat das vor. Die zum Teil heftigen Reaktionen von türkischer Seite auf das armenische Problem hängen jedoch vor allem damit zusammen, daß ein Teil der türkischen Geschichte bis heute verschwiegen bzw. verfälscht wird. Eine Aufarbeitung von türkischer Seite wäre wünschenswert, damit die Armenier trauern dürfen, damit die Welt insgesamt anerkennt, daß nicht nur die Juden mit einer schrecklichen Vergangenheit leben müssen sondern auch die Armenier. Den Völkermord an den Armenier – egal ob er nun Völkermord heißt oder anders – zu leugnen jedenfalls ist Verfälschung der Geschichte und kann nicht das Fundament auf dem Weg hin zu einem geeinten Europa sein.



[1]    T.E. Lawrence, Die Sieben Säulen der Weisheit, dt. von Dagobert von Mikusch, München 122000, 31 [engl. Original: Seven Pillars of Wisdom. A triumph, Oxford 1935, 46].

[2]    E.-M. Auch, Südkaukasien – Staaten mit Territorialkonflikten, in: BPB (Hg.), Informationen zur politischen Bildung 281, 4/2003: Rußland, 11.

[3]    Ibid., 10.

[4]    Eine nicht zu kurz gefaßte aber auch nicht zu ausgreifende armenische Geschichte bietet (neben umfangreichen kulturellen Darstellungen) J. Dum-Tragut, Armenien entdecken. 3000 Jahre Kultur zwischen Ost und West, Berlin 32006, 32-47.

[5]    Zit. n. Chr. Schmidt-Häuer, Wer am Leben blieb, wurde nackt gelassen, DIE ZEIT 13 [23.03.2005].

[6]    Zit. n. H.-L. Kieser, Sammelrezension Der Völkermord an den Armeniern 1915/16: neueste Publikationen, sehepunkte 7, Nr. 3 [15.03.2007].

[7]    Ibid.

[8]    Ibid.

[9]    Das entsprechende Protokoll des Reichstags zu finden als Anfrage des Reichstagsabgeordneten Karl Liebknecht in der 26. Sitzung des Reichstags als Dokument 1916-01-11-DE-001 auf der Website Armenocide.

[10]   StGB § 220a (1) 1-5.

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