Weshalb nenne ich die Zeit, in der wir gerade leben, das SMS-Zeitalter? Nun, Mobiltelephone, Smartphones und iPads, die mittlerweile wieder ein wenig geschrumpft sind, begleiten uns überall hin. Wir sind überall erreichbar und setzen uns damit unnötigem Streß aus. Das führt dazu, daß wir uns für eine Sache kaum noch mehr als einen Wimpernschlag Zeit nehmen. Alles muß schnell gehen, auch die Informationsübermittlung. Wo und wie unterhält man sich? In Chatrooms mit Abkürzungen und Smileys, via SMS mit maximal 140 Zeichen.

Als ich am Donnerstag in meinem Praxiskurs zu wissenschaftlichem Schreiben als erstes in die Runde gefragt habe, wer eigentlich von den 13 Studentinnen und Studenten (allesamt aus der Soziologie) noch für sich allein Texte schreibt, meldete sich zunächst nur eine Studentin, kurze Zeit später noch eine, die allerdings etwas verschämt mitteilte, daß sie Geschichten für ihre kleine Schwester schreiben würde. Ich sah mich dazu bemüßigt, sie darin zu bestärken, daß das eine tolle Sache sei und sie das auf jeden Fall weiter betreiben solle. Alle anderen schienen meine Theorie zu bestätigen, daß privates Schreiben wie das Verfassen eines Tagebuchs beinahe schon ausgestorben scheint.

Ich fuhr also fort mit einer kleinen Schreibaufgabe, bei der sie mir innerhalb von zwei Minuten mitteilen sollten

1) Was wissenschaftliches Schreiben für sie bedeutet und
2) Welches ihr größtes Problem beim oder mit dem wissenschaftlichen Schreiben ist

Bei der ersten Frage waren sich alle im großen Ganzen einig: wissenschaftliches Schreiben bedient sich einer abgehobenen Sprache, und jede Behauptung muß nachvollziehbar belegt werden. Aus dieser Vorstellung ergaben sich konsequenterweise folgende Probleme:

1) Ich habe Angst davor, nicht genug zu belegen, so daß meine Arbeit als Plagiat deklariert werden könnte.
2) Wie soll ich etwas belegen, das ich in der Vorlesung gehört oder nur in einem Überblickswerk (oder gar bei Wikipedia) gelesen habe, das ich wiederum nicht benutzen soll?
3) Ich habe Angst vor der Fachsprache / kann nicht wissenschaftlich schreiben.
4) Ich weiß nicht, wie ich eine sinnvolle Argumentationsstruktur aufbauen und nachvollziehbar / logisch aufschreiben soll.
5) Ich weiß nicht, wie ich ein sinnvolles Thema finden soll.
6) Wissenschaftliches Schreiben ist doch nicht bloßes Wiederkäuen von schon einmal Gesagtem — ich finde einfach keine eigene Fragestellung, etwas, was noch nie jemand vor mir gefragt hat.
7) Ich kann meine Arbeit nicht sinnvoll gliedern.
8) Wie groß soll der Umfang meiner Bibliographie sein / wieviel Eigenleistung soll in meiner Arbeit stecken?

Die Ängste, Sorgen und Nöte, die ich hier kurz skizziert habe, korrespondieren in erster Linie damit, daß im deutschen Universitätsbetrieb tatsächlich die Tendenz vorherrscht, sich vom ‘normalen Volk’ abheben zu wollen. Man will Elite bleiben und so wenige Menschen wie möglich sollen daran teilhaben. Und dazu gehört es vor allem, in einer wissenschaftlich abgehobenen Sprache zu schreiben und kommunizieren, die junge Studenten gar nicht verstehen können, wenn sie nicht aus einer Akademikerfamilie stammen. Zudem wird ihnen nicht gesagt, wie sie ihre schriftlichen Arbeiten verfassen sollen, so daß die meisten annehmen, daß eine eben solche Sprache gefordert sei, wie sie die Professoren verwenden.

Nun habe ich in meinen vergangenen Seminaren stets auch gepredigt, daß man sich die Aufsätze der jeweiligen Dozenten ruhigen Gewissens zum Vorbild nehmen kann, denn wenn die Studenten zumindest die Formalia des Lehrenden annehmen, machen sie ganz sicher nichts falsch. Allerdings betrifft das oft nicht auch den Schreibstil. In diesem Falle bin ich nämlich ein klarer Verfechter des englischen Stils: der klaren Sprache ohne den unnötig inflationären Gebrauch von Fremd- bzw. Fachausdrücken. Die Philosophie an englischen und amerikanischen Universitäten ist auch eine völlig andere als hierzulande: es gibt keine offensichtliche Hierarchie und den Professoren geht es darum, von so vielen Menschen wie möglich verstanden zu werden. So wird Wissenschaft dort nicht künstlich zur Verständnislosigkeit emporgehoben, sondern im Gegenteil werden schwierige Sachverhalte in eine einfache Sprache gegossen.

Diese Philosophie beginnt sich mittlerweile auch hierzulande ein wenig auszubreiten, allerdings setzt sie sich nur langsam fest. Es gibt noch immer zu viele Professoren, deren einziger Rat an ihre Studenten darin besteht, ihnen zu sagen, daß sie die Arbeit “halt einfach schreiben” sollen. Bei der Soziologie ist es offenbar nicht mal Praxis, den Studenten ein Thema vorzugeben, wie ich es in der Geschichte zumindest im Grundstudium stets erlebt habe. So haben die Studenten oft nicht einmal eine Ahnung, wie sie ein Thema eingrenzen müssen, um es auf etwa zehn Seiten erschöpfend abhandeln zu können. Vorgaben zur zu lesender Literatur hält man offenbar auch nicht für nötig.

Und so habe ich meinen 13 Schützlingen zunächst versucht, etwas Selbstbewußtsein einzuimpfen, vor allem dahingehend, daß sie keine Angst vor der Wissenschaftssprache haben sollen. Erstens trainiert man sich die erst im Laufe des Studiums an, zweitens sollte man so schreiben, daß man selbst es auch nach einem halben Jahr noch versteht, denn in erster Linie schreibt man diese Arbeiten für sich selbst und nicht für den Dozenten. Man mag von ihm die Note erhalten, doch gerade die Themen, die man sich schriftlich erarbeitet, sind die, die auch bis nach dem Studium im Gedächtnis verbleiben. Hat man nun allerdings einen völlig abgehobenen Text verfaßt, den man selbst kaum versteht, dann nützt er dem Studenten nicht wirklich viel. Vielleicht hat man eine gute Note bekommen, aber der Langzeiteffekt ist gleich Null.

Außerdem habe ich sie dazu ermuntert, regelmäßig etwas für sich selbst zu schreiben, denn wenn man als Geisteswissenschaftler nichts schreibt und die schriftlichen Arbeiten nur als leider notwendiges Übel ansieht, dann wird man über kurz oder lang Probleme bekommen. Zudem bleibt der Spaß oder vielmehr die Freude am Studium dann auf der Strecke. Ein Tagebuch zu beginnen oder sogenannte Morgenseiten zu verfassen, bei denen man sich jeden Morgen nach dem Aufstehen erst mal an den Tisch setzt, um sich für den Tag freizuschreiben sind nur zwei Varianten, die helfen, eine eigene Schriftsprache zu entwickeln.

Wenn man sich direkt beim Lesen Notizen in ein gesondertes Word-Dokument schreibt, wenn man stets Stift und Zettel dabei hat, um Ideen direkt zu notieren und diese zu Hause sofort ein wenig ausformuliert, wenn man sich zunächst ein Cloud-Modell mit allen Ideen, Fragen und Querverbindungen zu einem Thema anfertigt, dann sollte das schon genug sein, um die sogenannte Angst vor dem leeren Blatt resp. Dokument oder Schreibblockade zu vermeiden. Und nicht zuletzt muß man beim Schreibbeginn nicht direkt die gesamte fertige Arbeit im Kopf haben — eine Tatsache, die Studenten auch gerne im Hinterkopf haben, die sie vom Schreiben abhält. Nicht zuletzt geht es nicht darum, eine neue These zu entwickeln — das passiert im Idealfall zum ersten Mal in der Dissertation — sondern ein Thema wissenschaftlich zu bearbeiten, zu verstehen sowie nachvollziehbar und nachprüfbar zu belegen.

Wenn ich nun damit ein wenig dazu beitragen konnte, daß 13 Studenten etwas zuversichtlicher und besser strukturiert an die nächste schriftliche Arbeit herangehen, dann bin ich schon zufrieden.

2 thoughts on “Praxiskurs: Wissenschaftliches Schreiben

  1. Ich finde es ja erstaunlich, daß lediglich 13 Studenten an dem Kurs teilgenommen haben, falls die geringe Anzahl keine organisatorischen Gründe hatte. Denke ich nämlich an meinen eigenen Studiumsbeginn zurück oder höre mich um, dann bekomme ich selbst von denen, die vor 15-20 Jahren mit dem Studieren begonnen hatten, immer wieder zu hören, daß das Wie des wissenschaftlichen Schreibens für beinahe ausnahmslos jeden eine der größten Hürden bei Studienbeginn ist und war. Eine Hürde, die nach meinem Empfinden bis heute größer geworden ist, da in den Gymnasien immer weniger darauf vorbereitet wird. So finde ich es erstaunlich, daß tatsächlich nur 13 Studenten Bedarf an mehr Klarheit und Antworten auf die Frage nach dem Wie wollten.

    Daß deutsche Professoren und Dozenten sich gerne sprachlich unnahbar geben und wenig dafür tun, daß Neu-Studenten Einblick in die Welt des wissenschaftlichen Arbeitens erhalten, so sie nicht von daheim den Schlüssel zu diesem hermetisch abgeriegelten Raum mitbekommen haben, sehe ich als nicht ganz begründete Verallgemeinerung, zumindest wenn ich meine Erfahrungen mein Urteil bestimmen lasse. Solche Exemplare habe ich beispielsweise gerade in der Soziologie nie erlebt. Im Gegenteil und völlig unabhängig vom Status des Lehrenden oder dessen Alter. Anders war das bei den Historikern. Selbst Studenten nach dem Grundstudium hatten begonnen ihre Nase höher zu tragen, als es angemessen wäre. Fachbedingt, glaube ich. Bei Medizinern wird es sicherlich ähnlich auffällig sein, könnte ich mir vorstellen. Je wichtiger man seinen eigenen Fachbereich in Bezug auf den gesellschaftlichen Nutzen findet, desto mehr kommt es wohl zu arrogantem Verhalten.
    Und ist das nun in anderen Ländern anders? Ich habe nie im Ausland studiert, also kann ich das so weder verneinen noch dem zustimmen. Aufgefallen ist mir allerdings, daß gerade die großen Unis im Ausland sich viel mehr dem “Normal-Wissbegierigendem” öffnen. So konnte ich mir über das Internet einige Vorlesungen namhafter Professoren an der Harvard- und Princeton-Universität ansehen (Yale hat auch so ein kostenloses Angebot, ebenso wie Oxford, allerdings mit komplizierterem “Einschalten”), wohingegen die Suche nach einem ähnlichen Projekt an deutschen Unis erfolglos blieb oder es nur für Studenten zur Verfügung steht (von anderen Ländern kann ich nicht sprechen, da ich mich natürlich nur nach den Unis umgesehen habe, deren Sprache ich verstehe). Allgemein offener also ja durchaus. Jedoch wurde auch in diesen Vorlesungen klar, daß es solche und solche Professoren gibt.

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    1. Klar kann man das nicht verallgemeinern, aber wie du schon sagst sind es besonders Historiker und Germanisten, die meinen, sie müßten eine abgehobene Sprache pflegen, damit der Pöbel sie ja nicht versteht. Zuweilen (wenn man deren Texte dann doch durchschaut hat) fragt man sich aber schon, wo jetzt das Neue und Spannende ist. Manchmal werden nichtssagende Texte nämlich einfach nur hinter einer Aneinanderreihung fremdsprachiger Vokabeln versteckt und man macht sich die Unlust danach zu suchen zunutze, um nicht der Schwafelei und Sinnlosigkeit seiner Aussagen angeklagt zu werden. DAS allerdings ist mir oft bei Germanistik aufgefallen, wo ich mich schon durch den ein oder anderen Text quälen mußte, ohne wirklich zu verstehen, was der Autor mir sagen wollte. Doch auch da gab es vereinzelt Dozenten, in deren Vorlesungen und Seminare ich gerne gegangen bin. Und die Geschichte in Dresden ist ebenfalls nicht derart verkopft wie du sie möglicherweise an deiner Uni erlebt hast. Nun habe ich hier in Dresden keine Soziologie-Veranstaltung besucht, kann also nur von dem sprechen, was diese 13 Studenten mir gesagt haben und da schien es eben der Fall zu sein, daß niemand ihnen sagt, wie und vor allem was sie schreiben sollen, also nicht einmal ein Thema wird ihnen vorgegeben, auch nicht bei ihrer ersten Arbeit überhaupt an einer Universität. Betreuung kann man das nicht wirklich nennen. Und weshalb es nur 13 Studenten waren? Ich schätze, die Werbung dafür war einfach nicht gut genug. Beim nächsten Mal hänge ich einfach ein paar Zettel in diversen Mensen aus. Und daß zu diesem Kurs überhaupt 13 Studenten gekommen sind, lag schlicht daran, daß eine Studentin die Bekanntmachung auf der SLUB-Seite gesehen und sie dann bei Facebook gepostet hat, was schließlich von ihren Freunden und Freundesfreunden gesehen wurde.

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