Daß Engländer im Elfmeterschießen verlieren, ist ja eigentlich Naturgesetz. Bereits vor dem Champions League-Finale in München 2012 skandierten die Bayern-Fans: Unsere Stadt. Unser Stadion. Unser Pokal. Und die Bild-Zeitung stimmte gerne in diese vorzeitige Feierstimmung mit ein. Doch Chelsea hatte etwas dagegen. Und tatsächlich kam alles anders.

2012-05-19_20_21_Bild-Zeitung

Als ich heute zur Post gegangen bin, wäre ich dort beinahe vor Lachen in Ohnmacht gefallen, als ich das Titelblatt der Bildzeitung gesehen habe. Ganz aus Prinzip kaufe ich dieses Volksverdummungsblatt nicht, aber es ist gut genug, um sich zumindest über die Titelseite totzulachen. Um euch nun auch an diesem Spaß teilhaben zu lassen, habe ich im Netz mal nach einer Seite gesucht, die die Titelseiten deutscher Tageszeitungen archiviert und bin tatsächlich auch fündig geworden. Bei Meedia Zeitungen findet man die gängigen überregionalen, aber auch einzelne regionale und nicht-deutsche Zeitungen. Sicher gibt es noch andere, auch umfangreichere und nicht-deutsche Archive, doch für meine Zwecke genügt diese Seite bisweilen.

Welchen Grund habe ich nun, mich überhaupt mit der Bildzeitung zu beschäftigen? Um einmal aufzuzeigen, wie austauschbar die Zeitung eigentlich ist oder mehr das, was sie tagtäglich unters Volk bringt.

Sieht man sich nun das Titelblatt zum Samstag, den 19. Mai 2012, also dem Tag des Champions League-Finales in München, an, dann sieht man zunächst einen Mario Gomez, der in der abgebildeten Siegerpose nur eins klarmachen soll: Bayern München hat dieses Spiel doch im Grunde bereits gewonnen. Wozu eigentlich noch antreten? Chelsea hätte eigentlich auch direkt zu Hause in London bleiben können. Die riesige Schlagzeile “Fußballfieber” bekräftigt diese Annahmen noch: Wir sind alle schon besoffen vor Freude und sehnen den Abpfiff herbei, um uns endlich noch mehr betrinken zu können. Eine Heldenverehrung bereits vor dem großen Endsieg. Irgendwie erinnert das an Ereignisse vor etwa 60 Jahren. Die Bildzeitung gab es damals noch nicht, dafür aber die Wochenschau. Die Wortwahl ist ähnlich: knapp und bündig, der Gegner wird madig gemacht und irgendwie auch unwürdig, den Pokal überhaupt anschauen zu dürfen.

Unsere Stadt. Unser Stadion. Unser Pokal

FC Bayern Muenchen v Chelsea FC - UEFA Champions League Final Im Stadion selbst setzte sich das ganze dann natürlich fort. Aufgeheizt durch die Presse und die eigene Arroganz skandierten die Bayern-Anhänger “Unsere Stadt. Unser Stadion. Unser Pokal” was eben gleichbedeutend damit war, daß die minimal 90 Minuten des Spiels keinesfalls Pflicht, sondern allenfalls Kür sein sollten: ein Schaulaufen der eitlen Gockel mit anschließender Präsentation der Siegestrophäe. Nicht Heimholung, denn zu Hause war man schließlich schon, und dort sollte der Pokal eben auch bleiben — dort, wo er hingehörte.

Allerdings hatte man bei all dem scheinbar vergessen, daß man nicht allein auf dem Platz war. Der Gegner — Chelsea — bestand schließlich auch aus elf Spielern, die keinesfalls vorhatten, einfach die Gasse vor dem Tor zu öffnen und Petr Cech neben Manuel Neuer zu stellen, damit man es den Bayern-Spielern so einfach wie nur möglich machen möge. Denn insgeheim erwartete der gemeine Bayern-Fan doch ohnehin ein 4-0, 5-0 oder gar 6-0, auch wenn Chelsea mitspielen würde. Daß sie sich derart gegen die sichere Niederlage stellen würden: damit konnte man schließlich nicht rechnen — definitiv nicht, wenn man gläubiger Anhänger der Bild-Religion ist.

Und so kam es dann, wie es nicht hätte sein dürfen: die gefallenen Helden wußten nicht einmal mehr, wie sie weinen sollten, so sehr hatten sie mit dem Sieg gerechnet. Daß die Niederlage dann auch noch im Elfmeterschießen erfolgte, wo es doch eigentlich Naturgesetz ist, daß Deutsche gegen Engländer gewinnen, war einfach zuviel! Vielleicht war auch deshalb die Schlagzeile der Bild am nächsten Tag nicht so wirklich plakativ: “Bayern, wir weinen mit euch”. Und vom Drama war die Rede. So richtig verstehen konnte man es da noch nicht wirklich. Unser Pokal sollte nicht mehr unser Pokal sein? Das kann doch nicht wahr sein? Oder doch?

Heute nun hatte man sich scheinbar in der Redaktion der Bild wieder halbwegs erholt. Man stellte wieder Fragen, und was für welche! Zerbricht Schweini? Macht Heynckes Schluß? Uli Hoeneß drischt verbal auf die Spieler ein, die seinen großen Traum zerstört haben (wieder diese dunklen Parallelen!) und der Kaiser weiß, daß es Uns Jogi bei der EM jetzt ganz schwer haben wird — immerhin besteht der halbe deutsche Kader aus nun schwer geschundenen Bayernseelen. Verblüffend nur, daß die Spieler, die zuvor in den buntesten Farben über den Himmel hinausgehoben wurden, nun nichts mehr wert sein sollen. Womöglich wird auch Arjen Robben endlich als der erkannt, der er ist: ein mannschaftsundienlicher Egoist. Aber dazu wird es die Bildzeitung wohl nicht kommen lassen.

Petr Cech Petr Cech Allerdings hatte all diese Berichterstattung (die zwanzig Stunden bei Sat1 habe ich mir selbstredend erspart und während des Spiels habe ich irischen Folk gehört, nicht den erwartbar unterirdischen Kommentar) und letztlich auch der Ausgang des Spiels einen leisen Nebeneffekt: es hat mich Chelsea wieder nähergebracht. Zwischenzeitlich habe ich deren Spiele nur noch wegen Petr Cech verfolgt — das wird ab jetzt anders sein.

7 thoughts on “Unsere Stadt. Unser Stadion. Unser Pokal. Oder: Wie die Bild-Zeitung den Bayern den Champions League-Titel geklaut hat

  1. Sehr lesenswerter, klarer Artikel. Nur die Überschrift irritiert bezüglich des folgenden Inhalts und der Zusatz (Terry) ist unnötig.

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      1. (Warum habe ich keine E-Mail-Bestätigung über diesen Kommentar erhalten? *grummel*)

        Das Problem mit den Überschriften kenne ich nur zu gut. Manchmal überlege ich da länger, als ich für das Schreiben des Eintrags brauche und dann sind sie trotzdem noch schlecht. Dann nehme ich mir immer vor, beim nächsten Mal entspannter ranzugehen. Bei Einträgen finde ich das eigentlich auch nebensächlich, hatte sogar schon überlegt, gar keine Überschrift zu suchen. Ich lese sie auch bei anderen selten. Nur dein Eintrag ist diesmal mehr ein Artikel, was die Überschrift wichtig macht. Ich meine, ich lese deine Einträge so oder so – unabhängig von der kurzen Zeile, die über ihnen steht. Allerdings habe ich gerade hier den Eindruck, daß er wirklich allgemein interessant ist, ihn aber einige nicht lesen werden, wenn sie auf ihn über Twitter etc. nur durch die Überschrift aufmerksam werden. Sie klingt nach persönlichem Eintrag und nicht nach sachlich-bissigem Kommentar zum Thema “Bayern München” und den arroganten Umgang der deutschen Medien mit sicher geglaubten Siegen aufgrund (deutschem) Überlegenheitsdenkens. Wäre einfach schade, wenn dir Leser aufgrund der Überschrift entgehen.

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  2. Viel besser (die Überschrift). Jetzt müsstest du das eigentlich nur noch in der Linkadresse ändern, wo der Artikel noch unter dem alten Namen läuft

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      1. Einfach den Artikel im Bearbeiten-Modus udn da ist dann unter der Überschrift der Link angegeben, den man dann auch ändern kann.

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